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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Petzen petzen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Schoppenpetzer

Aussprache

 

Petzen petzen. Was sollen sie sonst tun? So war es auch mit Lina: Sie beschwert sich bei der Lehrerin: "Der Kevin hat mich gepetzt." Die Lehrerin tadelt beide: "Wie oft habe ich euch schon gesagt, dass ihr nicht petzen sollt!"

Wieso denn das? Kevin hatte Lina gezwickt und Lina hat es der Lehrerin gesagt. Das erste petzen versteht man bloß am Rhein, das zweite in ganz Deutschland. Dementsprechend ist eine Petze am Rhein eine Wäscheklammer, ansonsten jemand, der Mitschüler denunziert. Ich kannte als Kind petzen nur in der Bedeutung 'zwicken'. Beim Lehrer petzen gab es nicht. Nicht weil wir alle brav und kameradschaftlich waren, sondern weil man "geplatscht" hat. Es gab genug "Platschmäuler", die zum Lehrer liefen.

Petzen 'kneifen' ist gebräuchlich vom Ober-Rhein bis ins Rheinland und nachweisbar seit dem 12. Jahrhundert. Es geht zurück auf romanisch pizzicare 'zwicken, stechen', dazu mit n französisch pince Zange' und unsre Pinzette. Zugrunde liegt ein romanisches pico 'Spitze'. Petzen ist also 'mit den Fingerspitzen anfassen und fest zudrücken'.

Petzen 'denunzieren' stammt aus der Studentensprache (seit 1795) und ist verwandt mit hessisch bätzen 'zornig sein', eigentlich 'kläffen'. Die Petze ist ein ganz junges Wort und erst seit etwa 1900 üblich, ist also von petzen abgeleitet. Das weibliche Geschlecht verdankt sie wohl der Betze 'Hündin', eine Vokabel, die erst in der frühen Neuzeit aufkam. Es erinnert an englisch bitch, altenglisch bicce 'Hündin', das aber wohl einen anderen Ursprung hat.
In Bickenbach (874 Bicchunbach) steckt ein weiblicher Kurzname Bicka, Genitiv Bickun. Die 'Bachsiedlung des Bicko' hätte schon damals Bickenbach gelautet. Woher ein Kurzname kommt, können wir nicht ahnen. Das sehen wir an folgendem Beispiel: Englisch Bob gilt als Kurzform von Robert. Ein Franke aber namens Bobo hieß eigentlich Bodegisel. Dass Bicka wie im Altenglischen 'Hündin' bedeutet hat, ist unwahrscheinlich. Dagegen spricht das weitaus häufigere männliche Bicko.
Das männliche Gegenstück von Betze scheint der "Meister Petz" zu sein, der Bär. -(t)z kommt in Kurzformen von Personennamen vor: Lutz, Fritz, Heinz (von Ludwig, Friedrich, Heinrich). Man hat daher angenommen, dass Petz Kurzform von Bernhard sei. Aber so einfach ist das nicht. Denn es gibt auch Tier- und Vogelnamen auf -(t)z: Sperling und Spatz gehen zurück auf althochdeutsch sparo. Betze kommt von bätzen, Mieze von "miau". Wutz ist 'Schwein' und Watz 'Eber'. Wie altnordisch bersi, bessi 'Bär' zeigt, ist Petz (alt Betz) direkt von Bär abgeleitet. P statt b ist die oberdeutsche Schreibung, die anzeigt, dass b härter artikuliert wurde, aber nicht behaucht.

 

 

   


Leserfrage

Wie passt denn der Schoppenpetzer da rein?

 

Meine Antwort

Es gibt zwei Erklärungen:

1. petzen (pätze) = kneifen, weil man beim Schoppenpetzen die Lippen "zusammenpetzt", entweder als Genießer, oder weil der Wein sauer ist. Man sagt aber "aon petze, en Schoppe petze, e Flasch petze", d.h. man stellt was mit dem Gefäß an und nicht mit dem Mund.

2. von lateinisch potisare 'trinken', das hätte ein hochdeutsches pötzen ergeben können, das aber im Dialekt nicht "pätze", sondern "petze" gesprochen würde.

Nach einer schöpferischen Pause kam mir jetzt die Erleuchtung: Petzen ist hier 'zwischen die Finger klemmen, in die Hand nehmen'. Das passt zu Schoppen (Glas) und Flasche.

 

 

Leserbrief Aussprache

In meiner Eberstädter Mundartversion heißt denunzieren = petzen,

und zwicken heißt = pätzen (mit unüberhörbar deutlichem „ä"!).

 

Meine Antwort

Auch ich sage für kneifen "pätze", das ist die normale Aussprache des alten e, daher auch Wegtreten 'Breitwegerich' = "Wäägdrääre" und Stecken = "Schdägge". Das Wort für 'kneifen' wird aber in allen Nachschlagewerken mit e geschrieben (petzen, pfetzen).

Das Wort für 'denunzieren' ist im Hessischen ein Fremdwort. Ich kenne es nur geschrieben und nicht aus dem lebendigen Sprachgebrauch und hätte ebenfalls "pätze" gesagt. Das Südhessische Wörterbuch unterscheidet zwar sehr genau die Aussprache und die unterschiedlichen Wortstämme,  fasst aber 'zwicken', 'trinken' und 'denunzieren' unter einem Stichwort zusammen, das in Südhessen und Rheinhessen "pätze" und im südlichen Odenwald "petze" gesprochen wird. Das heißt, die Aussprache ist regional unterschiedlich und man kann offenbar nicht überall 'kneifen' und 'denunzieren' unterscheiden.

Die Aussprache von e ist eine Wissenschaft für sich. Wie gesagt, wird altes e wie "ä" gesprochen, das alte umgelautete a als e (badi > Bett, batis > besser, satjan > setzen; aber gisezzan > gesessen "gesässen"). So auch Feld / fällt = hessisch "Fäld / felld", aber Fälle = "Fäll".

 

 

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Echo Online

 

Datum: 25.04.2011

Aktuell: 24.09.2019