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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Tassen im Schrank

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Das hat doch keinen Sinn, dem was zu sagen. Der hat nicht alle fünf Sinne beieinander, hat keinen Sinn dafür und nur das Eine im Sinn. Denn er ist ein sehr sinnlicher Mensch." Sinn ist ein vielseitiges Wort, das wir in ganz unterschiedlichem Sinn gebrauchen. Ich umschreibe: "Es hat keinen Zweck – die fünf Wahrnehmungen – kein Gespür – denkt nur an das Eine – sehr triebhaft – in unterschiedlicher Bedeutung." Lässt sich das alles unter einen Hut bringen? Grundlage von Sinn ist indogermanisch sent- 'eine Richtung anstreben'. Daraus haben sich zwei Bedeutungen entwickelt: einmal 'Richtung, Weg, gehen'. Bei senden 'auf den Weg bringen' hat sich die ursprüngliche Vorstellung von einer räumlichen Bewegung noch erhalten. Gesinde 'Personal' waren einst die 'Weggefährten'. Die zweite Bedeutung ist 'Absicht, Gedanke, verlangen, merken'. Bei sinnen bewegen wir uns in Gedanken. Althochdeutsch sinnan konnte noch 'gehen, kommen' bedeuten.

Beschränken wir uns nun auf die klassischen fünf Sinne: Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Fühlen, die wir ausüben mit den Sinnesorganen Auge, Ohr, Zunge, Nase und Haut. Die Haut spürt auch Temperatur und Druck. Bei alledem geht es um die Außenwahrnehmung. Zusätzlich haben wir auch noch Vorstellungen vom Zustand unsres Körpers: Ein übermäßiger Reiz erzeugt Schmerz. Vom Gleichgewichtssinn im Ohr merken wir nur, wenn es uns schwindlig wird. Aus den Rückmeldungen der Muskeln schließt das Gehirn auf die Körperhaltung, sodass wir auch im Dunkeln unsern Mund finden können. Die "fünf Sinne" waren schon im Altertum bekannt. "Der hat seine fünf Sinne nicht beieinander", kurz "der hat sie nicht alle", salopp ergänzt "der hat nicht alle Tassen im Schrank" bedeutet also: Er kann die Außenwelt nicht richtig wahrnehmen, hat daher falsche Vorstellungen davon und ist auch selbst merkwürdig: Hörbehinderten entgeht ein Teil von dem, was gesagt wird. Sie sagen dann Unpassendes oder schweigen und ziehen sich zurück. Man hält sie schnell für "doof" (das niederdeutsche Wort für taub).

Manchen Menschen sagt man nach, sie hätten auch einen "sechsten Sinn". Das ist zunächst gar nichts Geheimnisvolles. Denn mit etwas Erfahrung kann jeder die Körpersprache des Gegenübers deuten, zwischen den Zeilen lesen und blitzschnell aus Wahrnehmungen und Wissen Schlüsse ziehen. Mysteriös wird es erst beim "siebten Sinn", der außersinnlichen Wahrnehmung wie Hellsehen oder Vorahnungen. Sechster und siebter Sinn sind nicht klar gegeneinander abgegrenzt. Wahrscheinlich hat die Zahlensymbolik unsre Sinne getäuscht, sodass wir nicht mehr zählen können: Wir empfinden die ungeraden Zahlen als abgerundeter als die geraden. Sieben gilt als Inbegriff der Vollkommenheit.

 

 

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Echo Online

Begriffe: Psychologie | Sprachecke  24.02.2015

 

Datum: 23.08.2011

Aktuell: 09.02.2019