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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Spazierende Spatzen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Sperlinge lustwandeln mitunter auf dem Boden. Sonst aber bleiben die Spatzen lieber oben, weit weg von den Menschen. Die müssen sich sputen, um nicht zu spät zu kommen. Da ist nichts mit gemächlichem Spazieren, da müssen sie schon ein  bisschen Tempo (englisch speed) zulegen. Bei der Geschwindigkeit werden Raum (lateinisch spatium, englisch space) und Zeit in einer mathematischen Formel vereinigt (km/h, m/s).

Die Grundbedeutung von sputen ist aber nicht 'eilen', sondern 'vorwärts kommen, gedeihen, gelingen (lassen)', daher 'fördern, vorantreiben, beschleunigen'.

Sputen und lateinisch spatium sind zwar verwandt, haben sich aber unterschiedlich entwickelt: Was gedeiht, wird größer und nimmt an Umfang zu wie ein gut geratener Kürbis: Die Grundidee des Urknalls und der Ausdehnung des Universums ist in dem lateinischen Wort schon angedacht.

Spazieren wurde im Mittelalter übernommen aus italienisch spaziare oder direkt aus lateinisch spatiari ' Entfernungen zurücklegen', aber nicht schnell, sondern langsam, also "Eile mit Weile". Spazieren ist damit das Gegenteil von sputen und rückt in die Nähe von spät: Wer zu spät kommt, kann sich damit entschuldigen, dass er nur langsam voran kam oder der Weg weiter war als gedacht. Spät deutet also eine zeitliche Entfernung an.

In der alten Sprache unterschied man das Adjektiv spät (aus spâti) vom Adverb spat (aus spâto): "Er kam am späten Abend spat nach Hause."

Dem lateinischen spatium haftet die Vorstellung von einer räumlichen oder zeitlichen Entfernung an, anders als bei unserm Raum, germanisch rû-ma, zu altiranisch ravah- 'freier Raum, Freiheit', lateinisch rûs 'ländliche Gegend' im Unterschied zur Stadt. Auf dem Land haben wir freie Sicht bis zum Horizont und den ganzen Himmel über uns. In der Stadt sind wir eingeengt durch Mauern in Gassen und durch Wände in Räumen 'Zimmern'.

Im Semitischen gibt es ein ähnliches Wort: hebräisch rewach 'weiter Raum, Erleichterung'. Von der Vorstellung der Ausdehnung kam man auf die jiddische Bedeutung Profit', hessisch Rewach, hochdeutsch Reibach. Dass man sich in Vorfreude auf ein gewinnbringendes Geschäft die Hände reibt, hat nichts damit zu tun. An Ausdehnung erinnert auch unser Wucher 'unmäßige Zinsforderung', ursprünglich 'Frucht, Ertrag, Zinsen', verwandt mit wachsen.

Das arabische râ(w)cha 'sich erholen lassen, erfrischen' leitet über zum Begriff Ruhe (althochdeutsch ruowa). Wer zwischen Mauern lebt, bekommt leicht Beklemmungen. Zur Erholung gehört freier Raum und freie Sicht. Daher gehen wir zur Erholung gern spazieren. Die Spatzen dagegen sind geschäftlich zu Fuß unterwegs: Sie suchen Futter.

 

 

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Echo Online

 

Datum: 11.10.2011

Aktuell: 09.02.2019