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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Plutokratie

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Demokratie ist, wenn der dêmos 'Wohnbezirk' krateî, 'etwas zu sagen hat' und durch Wahl entscheidet, wer regieren soll. Zur Wahl stehen Parteien und Einzelpersonen, die sich um Sitze im Parlament bewerben. Nach dem Prinzip der Gewaltenteilung ist genau festgelegt, welche Befugnisse Legislative (Gesetzgebung: zu lateinisch lex 'Gesetz' und latio 'das Bringen, Vorschlag'), Exekutive (ausführende Gewalt: ex-sequi 'ausführen') und Judikative (Rechtsprechung: iudicare 'richten') haben. Die politische Gewalt ist nicht absolut, sondern hat ihre Grenzen in den verfassungsmäßigen Rechten von Einzelmenschen und Gruppierungen. Auch Religions- und Pressefreiheit sind nicht absolut, sondern gebunden an das Grundgesetz und einzelne staatliche Bestimmungen. Das gilt genauso für Wirtschaft und Kapital. Konzerne und Banken haben aber erhebliche Macht, weil nun einmal "das Geld die Welt regiert."

In der Lobby haben die Vertreter der Wirtschaft die Möglichkeit, zwanglos mit Politikern zu reden. Dieses Wort aus dem Englischen bedeutet eigentlich 'Vorraum, Eingangsbereich' und kommt über lateinisch lobia aus germanisch laubjo, verwandt mit Laube 'Gartenhäuschen, überdachter Gang', ursprünglich der Platz unter einem Blätterdach. Eingangsbereiche sind der geeignete Ort für ein Gespräch mit jemand, der dieses Gebäude besucht. In der Schule lauern dort Eltern auf eine Lehrkraft und im Parlament wartet man auf einen Abgeordneten, dem man sein Anliegen vortragen will.

Geschäftsleute und Interessenvertreter werden sich dort öfter aufhalten als Normalbürger. Die müssen sich zu den Behörden bemühen und dort antichambrieren, in Flur oder antichambre 'Vorzimmer' warten, bis sie in die chambre 'Kammer', das Büro der Sachbearbeiterin, vorgelassen werden. Antichambrieren ist ein veralteter Ausdruck aus der Zeit der Fürstenhöfe. Warten und Schlange stehen müssen wir noch immer.

Wie groß ist die Macht der Lobbyisten in unserm Land? Wahrscheinlich größer, als uns lieb ist, aber kaum so groß, wie das Schreckensbild einer Plutokratie befürchten lässt. Pluto, war das nicht der römische Gott der Unterwelt, dem griechischen Hades entsprechend, der leibhaftigen Verkörperung von Tod und Verderben? Ja und nein. Wer in der Plutokratie die Macht hat, ist nicht der römische Pluto, sondern der griechische ploûtos 'Überfluss, Reichtum', verwandt mit Fluss. Ploútôn nannten die Griechen nicht nur den Gott, sondern auch einen Fluss am Westrand der Erde, gedacht wohl als Grenze zum Totenreich. Sie erklärten den Gottesnamen aber als 'Reichtum'. Plutokratie, so hätten die Griechen gesagt, ist, wenn ploûtos krateî, wenn Reichtum politische Macht hat, wenn "Geld die Welt regiert."

 

 

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Echo Online

Begriffe: Staatsformen | Sprachecke 29.01.2008

 

Datum: 08.11.2011

Aktuell: 09.02.2019