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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Götterdämmerung

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Am Ende dämmert's den Göttern, dass ihre Welt zugrunde gehen muss. Es war ein Fehler, sich auf die Riesen einzulassen, die Walhall erbaut hatten. Der himmlische Palast geht in Flammen auf: Götterdämmerung nach Richard Wagner.

Wieso wird es dunkel, wenn die Flammen lodern? Die machen doch hell! Das merkwürdige Wort Götterdämmerung geht auf einen Ausdruck der altnordischen Dichtung zurück, der den Weltuntergang bezeichnet: altisländisch ragnarök in der älteren Überlieferung, beim isländischen Literaturwissenschaftler Snorri Sturluson (um 1200) aber ragnarökr. Ohne r bedeutet dieses Wort 'Göttergeschichte', mit r 'Götterdämmerung'. Wahrscheinlich hat Snorri das alte Wort nicht mehr verstanden und auf 'Abenddämmerung' gedeutet. Denn in den alten Liedern bezeichnet ragnarök nicht Herkunft und Geschichte des Götterrats (ragna-), sondern sein Ende.

Den Weltuntergang stellten sich die Nordleute vor als Krieg zwischen den Himmlischen und den Dämonen. Die Götter fallen und Himmel und Erde vergehen. Am Ende aber triumphiert nicht das Unheil, sondern es entsteht eine neue Welt, rein und unschuldig, wie sie am Anfang war. Die Chaosmacht hat man sich gern als ein Ungeheuer vorgestellt, etwa als Drachen. Die Wikinger dachten an einen Wolf. Sein Name Fenrir deutet an, dass er aus dem Venn 'Moor, Sumpf' stammt, wie die Drachen, die von Sankt Georg und Siegfried bezwungen wurden.

Die Geschichte der Götter wird in dem Gedicht Völuspa erzählt, das in der Zeit um 1000 entstanden ist, als Island durch Parlamentsbeschluss zum Christentum übertrat. Völuspa ("Wŏlu-spa") ist 'der Schamanin Vision'. Völva war die 'weise Frau', benannt nach ihrem Stab (völr), spa, verwandt mit spähen, die 'prophetische Schau'. Die Völuspa vereint heidnische und christliche Elemente. Der dort geweissagte Weltuntergang (ragnarök) erinnert an die Bilder der Offenbarung des Johannes: Das gebändigte Böse (Satan, Fenrir) kommt wieder frei. Die höllischen Mächte formieren sich zu einer Entscheidungsschlacht. Am Ende steht der Untergang der bisherigen Welt, der ein neues Paradies folgt.

Auch die Offenbarung (Apokalypse) ist eine Prophezeiung. Die Verderben bringenden apokalyptischen Reiter (Offenbarung 6,1-8) sind nach ihr benannt. Griechisch apo-kálypsis bedeutet 'Enthüllung, Aufdeckung, Offenbarung verborgener Gedanken und Pläne' durch die Vision eines Sehers. Apokalypse und Völuspa meinen also Ähnliches. Und wie Ragnarök hat Apokalypse die Bedeutung 'Weltuntergang' angenommen.

So schnell wird die Welt nicht untergehen. Aber wenn wir sterben, geht die Welt für uns unter. Und wir gehen unter in den Augen der Lebenden.

 

 

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Datum:

Aktuell: 09.02.2019