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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Hoffnung auf Äpfel

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Wenn ich wüsste", soll Martin Luther gesagt haben, "dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen." Dieser Spruch ist erstmals belegt im Oktober 1944 in einem Rundbrief der Hessischen Landeskirche, kurz nachdem die kleine Welt Darmstadts im Bombenhagel untergegangen war. Wer einen Apfelbaum pflanzt, hat die Hoffnung nicht aufgegeben: Es muss eine Zukunft geben. Der Briefschreiber hat mit diesem Spruch selbst ein Zeichen der Hoffnung gesetzt, das bis in die heutige Zeit nachwirkt. Sprüche und Bäume können eine Katastrophe nicht aufhalten. Aber sie können den Menschen Mut machen durchzuhalten und wieder neu anzufangen.

Hoffnung brauchen wir da, wo die Lage aussichtslos erscheint. Ihr Spektrum ist breit, sie reicht vom zuversichtlichen Optimismus bis zum trotzigen "Jetzt erst recht!", von unbekümmerter Gedankenlosigkeit bis zum besorgten "Es muss einen Ausweg geben". Deshalb ist es so schwer, dieses Wort zu definieren. Genauso schwer ist es, seine Herkunft und Grundbedeutung zu ermitteln. So viel lässt sich feststellen: Die ersten Spuren führen nach England und Holland. Tô-hopa diente um 900 als Übersetzung von lateinisch spes 'Hoffnung' und confidentia, fiducia 'Zuversicht'. Die Vorsilbe 'zu' drückte aus, dass man Zuversicht "zu" Gott hatte und sich bei ihm gut aufgehoben fühlte. Das ursprüngliche Verb ist nicht überliefert. Wenn es im Niederländischen hopon lautete, wäre das die genaue Entsprechung von lateinisch cubare 'liegen': Wer nicht daran denkt, dass Einbrecher kommen könnten, legt sich unbekümmert schlafen. Wer Angst hat, wird wach bleiben. Wer hofft, macht alles dicht und geht ins Bett. Ist das der Grundgedanke von hoffen?

Das hochdeutsche hoffen kam erst nach 1150 auf, wohl durch niederländischen Einfluss. Damals sagte man im Deutschen nicht hoffen, sondern dingen. Dieses Wort ist wohl eine alte Ableitung von altgermanisch thinges 'Zeit, Termin', deutsch Ding 'Volksversammlung (Thing), Rechtssache', heute 'Gegenstand'. Davon kommt das geläufigere dingen 'in Dienst nehmen', früher 'vor dem Thing verhandeln'.

Verhoffen sagt der Jäger, wenn das Wild stehen bleibt und sich vergewissert, dass keine Gefahr droht. Diese Bedeutung ist kaum vor 1800 nachweisbar, trägt also zum Verständnis von hoffen nichts bei. Im Mittelhochdeutschen war verhoffen dasselbe wie das einfache Wort - oder das Gegenteil: 'die Hoffnung aufgeben'.
In Todesanzeigen lesen wir, die Erbtante sei "unverhofft verstorben". Gemeint ist "überraschend, plötzlich". Wir sollten die Worte der Trauernden nicht auf die Goldwaage legen. Denn "unverhofft kommt oft", ob es uns passt oder nicht.

 

 

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Echo Online

 

Datum:  29.11.2011

Aktuell: 09.02.2019