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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Heilige Nacht

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Im Namen der Weihnacht steckt ein altes Wort für 'heilig'.

Seit Mitte des 4. Jahrhunderts feiert die Christenheit am 25. Dezember die Geburt Christi, auch in Mitteleuropa. Lateinische Chroniken berichten, wo der König Weihnachten gefeiert hatte: Pippin 759 in Longlier in Belgien, Ludwig der Fromme 838 in Mainz. Merkwürdigerweise erfahren wir vor 1100 nichts über dieses Fest in deutschen Texten. Die ältesten Zeugnisse stammen aus der Zeit um 1200. Zwar taucht der erste mittelhochdeutsche Beleg von Weihnacht (wîhe naht) schon um 1160 auf, da geht es aber nicht um das Fest, sondern um die Geburt Christi. Erst ab 1200 beginnen die Quellen kräftig zu sprudeln: Christtag, Christnacht, Christabend, Christmesse. Letzteres war das 'Hochamt am Christtag', nicht zu verwechseln mit der Christmette, dem 'Gottesdienst in der Heiligen Nacht'.

Weih- bedeutet 'heilig', wie in Weihrauch, Weihwasser und weihen. Unter weihen verstehen wir heute 'seiner Bestimmung übergeben'. Ein Todgeweihter muss bald sterben. Die Würde eines Priesters oder Bischofs erlangt man durch eine Weihezeremonie. Aus der bisherigen Baustelle wird durch die Weihe ein Gotteshaus. Davon kommt der allgemeinere Sprachgebrauch von einweihen 'in Gebrauch nehmen' und 'jemand an einem Geheimnis teilhaben lassen', ihn zum Mitwisser "weihen".

Wir kennen das Adjektiv weih 'heilig' nicht mehr als selbständiges Wort. Es wurde zu Beginn der Neuzeit aufgegeben, weil man es nicht von einem gleichlautenden Wort für 'Kampf' (in Lud-wig) unterscheiden konnte: Wîhan konnte 'heiligen' und 'kämpfen' bedeuten, mal mit h, mal mit ch gesprochen.
Wahrscheinlich sind diese beiden Wörter Zwillinge. Die indogermanische Mutter hieß veik- 'Lebenskraft', die kann man brauchen bei einer Weigerung oder als Weigand 'Kämpfer', aber auch für so unchristliche Tätigkeiten wie 'zaubern' und 'wahrsagen' (mittelniederdeutsch wicken, dazu englisch witch 'Hexe'). Die Wikinger "weihten" nicht nur Kirchen und Geistliche, sondern auch mal einen Zwerg, der sich danach nicht mehr von der Stelle rühren konnte, und gaben Losen durch einen Zauberspruch die Kraft, die richtige Entscheidung zu fällen. Das heidnische weihen war also eine magische Kraftübertragung. Und so verstehen wir's ja noch heute: Der Pfarrer hat einen besonderen Draht zum lieben Gott und kann daher die Sakramente spenden, segnen und für jemand beten.

Auch der Heiligen Nacht sagt man eine Art Zauber nach. So wird Weihnacht schon im ältesten Beleg gebraucht: "Die Gnade, die fing an in dieser Nacht, daher heißt sie die Weihe-Nacht, als alles geweiht und gereinigt wurde, was Gott geschaffen hat".

 

 

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Begriffe Weihnachten | Sprachecke 22.12.2015

 

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Aktuell: 09.02.2019