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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Geraubte Roben

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Vieles, was mit Mode zu tun hat, kommt aus dem Ausland. Noch nicht mal das Kleid ist deutsch.

Otto Reutter (1880-1931) erzählte die "traurige Geschichte" von einem Gast im Lokal, der es nicht wagt auf die Toilette zu gehen, weil er befürchtet, dass sein "Überzieher weg" sei, wenn er wiederkommt.

Im Theater können wir unbesorgt unsre Mäntel an der Garderobe abgeben. Dort werden sie bewacht. Französisch garde-robe 'Kleiderkammer, Kleiderschrank', dann auch 'Kleidung' bedeutet wörtlich 'hüte das Gewand'. Das war in alter Zeit aber auch dringend nötig. Denn französisch robe, heute 'Frauenkleid, Talar' hat im 12. Jahrhundert 'Beute, Kleid' bedeutet. Rauba nannten die Germanen die erbeuteten Rüstungen und Kleider der Feinde.

Die Franzosen galten lange Zeit als maßgeblich in Kleiderfragen. Von ihnen haben wir auch Mode und Kostüm:

Le mode, von lateinisch modus, ist die 'Art wie man etwas tut'. In der weiblichen Form la mode bekam dieses Wort die Bedeutung 'Lebensart', wie man sich heutzutage kleidet, frisiert und benimmt und welcher Stil gerade "modern" ist. Das ist zunächst ein Verhalten, das man lernen kann. Mode hat sich aber auch zu etwas entwickelt, was man meint haben zu müssen und man kaufen kann. In Modegeschäften gibt es also keine "Lebensart", sondern "moderne" Kleidung.

Modern kommt aber nicht von Mode, sondern von lateinisch modernus 'neu, aktuell', eine Weiterbildung aus modo 'soeben'.

Ein Kostüm besteht aus mehreren zusammengehörigen Kleidungsstücken wie Damenrock und Jacke. So nennen wir auch die Gewänder, die ein Schauspieler bei der Aufführung trägt, und die Verkleidung beim Karneval. Das französische costume stammt aus Italien, das im 16. Jahrhundert tonangebend für die Mode war. Italienisch costume und das französische coutume bedeuten 'Sitte, Gewohnheit' und gehen zurück auf ein romanisches costúmine, dem man seine Herkunft vom gleichbedeutenden lateinischen consuetûdo nicht mehr ansieht.

Was früher "costume" oder "mode" war, ist heute "style" (das englische Wort für 'Stil'), eigentlich 'Griffel, Schreibart', lateinisch stilus. Das y beruht auf einer mittellateinischen Verwechslung von stilus mit griechisch stýlos 'Säule'.

Die jungen Leute tragen Klamotten, ein Wort aus der Gaunersprache: im 16. Jahrhundert 'zerbrochene Steine', um 1850 'wertlose Gegenstände, Plunder', im 1. Weltkrieg auch 'Uniform' und damit 'Kleider' allgemein.

Auch das alte deutsche Kleid ist ein Fremdling, vor 1200 aus England importiert. Dort hatte man die dicken Lodenstoffe erfunden, die man cláth (heute cloth) 'Tuch' nannte. Es scheint verwandt zu sein mit schottisch plaid 'Wolldecke' und litauisch ant-klode 'Zudecke', alles aus indogermanisch qlâdis 'Tuch'.

 

 

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Begriffe Kleider | Sprachecke 27.02.2007 |  01.04.2014 | 08.07.2014

 

Datum: 14.02.2012

Aktuell: 09.02.2019