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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Losung und Devise

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Passwörter sind keine Erfindungen des Computerzeitalters. Schon vor 3000 Jahren konnte man sich damit ausweisen.

Alte Geschichten erzählen von zwei Menschen, die sich trennen müssen. Sie brechen einen Ring entzwei und können die Bruchstücke nahtlos zusammenfügen, wenn sie sich wieder finden. Das nannten die Griechen sým-bolon 'Zusammenfügung einer zerbrochenen Marke', im weiteren Sinn 'Kennzeichen, Symbol'. Das konnte auch eine Eintrittskarte sein, ein Gutschein oder ein verabredetes Passwort.

Englisch password war ursprünglich das Codewort, mit dem sich ein Soldat bei der Wache ausweisen kann. Die deutsche Lehnübersetzung kam erst vor 1989 mit dem Computer auf. Der alte deutsche Ausdruck ist Losung, eine Nebenform von Lösung: Was die Wache sagt, ist ein Rätsel, das der Soldat lösen muss. Bei den Wiedertäufern in Münster um 1533 musste man "Amen" antworten, wenn jemand sagte: "Lieber Bruder, Gottes Friede sei mit Euch."[1] Wer diese "Löse" nicht wusste, war kein Täufer.

Schon im 16. Jahrhundert hatte Losung auch die übertragene Bedeutung 'Motto, Leitspruch'. In diesem Sinne verwendete es Nikolaus von Zinzendorf, der 1728 seiner Herrnhuter Brüdergemeine täglich einen Bibelspruch als "Losung" zu bedenken gab. Da man dieses Wort schon 1691 auf "das Los" bezog,[2] werden seit 1731 die Herrnhuter Losungen für das ganze Jahr ausgelost.

Eine Variante der kriegerischen Losung ist schon über 3000 Jahre alt: In einem Bruderkrieg zwischen israelitischen Stämmen ließen die Sieger alle, die über den Fluss wollten, das Wort für 'Ähre' aussprechen. Wer "sibbóleth" statt "schibboleth" sagte, sprach den falschen Dialekt, galt als Feind und wurde niedergemacht.[3] Die Darmstädter haben eine harmlose Version: Sie lassen Fremde sagen: "Da, Heuner, steck der aa ao oo" (Da, Heiner, steck dir auch eine an) und amüsieren sich über die unbeholfene Aussprache.

Seit dem 17. Jahrhundert heißt das militärische Losungswort auch Parole, aus italienisch parola d'ordine 'das angewiesene Wort'. Parola 'Wort' kommt über parábola aus griechisch para-bolê 'Nebeneinandergestelltes, Gleichnis'. Auch Parole hat die übertragene Bedeutung 'Leitspruch' angenommen.

Von diesem Geheimwort zu unterscheiden ist der Schlachtruf, mit dem die Krieger in den Kampf oder ins Turnier zogen, wie im 13. Jahrhundert mit dem französisch-deutschen "Zay Tschavalier! Âvoy diu wîp! (Vorwärts, Ritter! Hallo die Damen!)"[4]. Das alte Synonym Feldgeschrei bekam nach 1900 die Nebenbedeutung 'Wahlspruch über dem Wappen', der aus dem Schlachtruf hervorgegangen ist. Die französische Entsprechung ist devise, ursprünglich das 'Unterscheidungsmerkmal'. Auch unser Devise bedeutet 'Wahlspruch'.

 

[1] DRW Quellenfaksimiles: "lieve bruder, godes frede sei mit ju"

[2] Stieler 1180 f

[4] Rudolf von Ems (13. Jahrhundert), Der gute Gerhard 3647 aus altfranzösisch "Çai chavalier, avoi les femmes"

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Übersicht

 

Echo Online | Begriffe: Losung

 

Datum: 27.03.2012

Aktuell: 09.02.2019