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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wilder Wald

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Baum

Forst

trewa

Wald

widu

 

 

Der Wald ist wild und der Forst liegt draußen vor den Toren. Für das einzelne Gewächs haben wir nur das eine Wort Baum.

Der Baum ist das einzelne Gewächs, der Wald eine Landschaft mit vielen Bäumen. Statt Wald sagen wir auch Forst, Holz, Hain oder Tann. In geographischen Namen bezeichnet Wald nicht die Bäume, sondern ein Gebirge wie den Odenwald. Für Baum gibt es kein anderes Wort. Dafür haben wir die Namen der einzelnen Arten von Abrahamsbaum bis Zypresse.

Die germanischen Wörter, deutsch Baum, gotisch bagms, altschwedisch bakn, altnordisch badhmr haben ursprünglich wohl den 'Stock' bezeichnet, indogermanisch bahwmos. Daraus lassen sich die vier Wortformen erklären. Das Grundwort behe- steckt auch in Bengel 'Knüppel', Bazillus (lateinisch 'Stäbchen') und Pegel ('Pflöckchen, Messlatte').

Für das Gewächs hatten die Germanen ein anderes Wort, trewa, das in englisch tree 'Baum' erhalten ist und auf indogermanisch deru zurückgeht (russisch déreva 'Baum'). Gemeint war besonders die Eiche mit ihrem harten Holz, so dass das daraus abgeleitete Adjektiv unser treu 'beständig, zuverlässig, loyal' ergab. Das Substantiv hat es im Hochdeutschen nie gegeben.

Zum Wald sagten die Germanen widu (englisch wood 'Wald, Holz'), ein Name, der nur noch im Keltischen Parallelen hat (walisisch gwydd 'Bäume, Wald'). In den baltischen Sprachen beginnt das entsprechende Wort mit m (altpreußisch median 'den Wald'). Denselben Wechsel im Anlaut haben wir bei englisch with und deutsch mit. Ähnliche Vokabeln gibt es östlich vom Baltikum von Finnland (metsä 'Wald') bis nach Ostsibirien (jakutisch mas 'Baum'). Das Verbreitungsgebiet dieser Vokabeln deckt sich mit dem eurasischen Waldgürtel, der vom Atlantik bis nach Sibirien reicht.

Das Grundwort für Wald, indogermanisch woltús, kommt von weltiós 'eigensinnig, mutwillig, wild' und wild wiederum von wel- 'wollen'. Der fränkische König hatte in dieser Wildnis das alleinige Recht zu jagen und zu fischen. Das unkultivierte Hinterland nannte man damals auf Latein foréstis 'draußen', daher kommt Forst, des Königs Jagdrevier. Grundlage ist lateinisch fórîs 'draußen vor der Tür' (fórês 'Türflügel'). Heute ist Fort der bewirtschaftete Wald.

Im Mittelalter unterschied man den königlichen Forst und den wilden Wald von der Mark am Rande des Ackerlandes. Die "Märker" holten dort ihr Holz und trieben dorthin im Herbst ihre Schweine zur Eichelmast. Die Nutzungsrechte dieses Waldes hatten die umliegenden Gemeinden und der zuständige Gerichtsherr. Mark bedeutet wie das lateinische margo 'Rand, Grenze'. Die Grenze zwischen zwei Gebieten war kein Strich auf der Landkarte, sondern ein breites Niemandsland mit Bergen, Wäldern und Sümpfen.

 

 

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Echo Online

Begriffe: Baum

 

Datum: 10.04.2012

Aktuell: 16.02.2018