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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Haut aus Bergstadt

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Buch

côdex

Papyrus

Pergament

Pergamon

 

Not macht erfinderisch. Das bestätigte sich auch beim König von Pergamon in Kleinasien.

Eumenos II. (197–159) hatte den Ehrgeiz, eine Bibliothek aufzubauen, die noch größer war als die von Alexandria in Ägypten. Die Ägypter wollten diese Konkurrenz unterbinden und lieferten keinen Papyrus mehr. Die Pergamoner mussten nicht lange nach Ersatz suchen: Schon immer hatte man auch auf Leder geschrieben.[1] Bei der nun erforderlichen Großproduktion dieser Häute erfand man eine verbesserte Bearbeitungstechnik. Das neue Produkt kam als diphthéra Pergamêna 'Pergamon-Haut' in den Handel, später einfach Pergamêna, Pergament genannt.

Papyrus wächst nicht überall und hält sich nur in trockener Luft. Pergament ist haltbar, lässt sich beidseitig beschreiben und muss nicht importiert werden. Es trat im späten Altertum an die Stelle von Papyrus und wurde im Spätmittelalter vom Papier abgelöst.

Papyrus lässt sich schlecht knicken, daher klebte man die einzelnen Blätter zu einer Buchrolle zusammen. Pergamentblätter knickte man in der Mitte und machte daraus Hefte und Bücher. Vorbild waren die hölzernen, mit Wachs überzogenen Schreibtafeln, die paarweise aneinandergebunden waren und zusammengeklappt werden konnten. Dieses hölzerne "Buch" nannte man caudex, zu cudere 'schlagen', verwandt mit hauen, weil man die Tafel von einem größeren Klotz "hieb". Später sagte man côdex und behielt diesen Namen bei, als man von Holz zu Pergament überging.
Bereits die ersten Ansätze zu einer Sammlung der neutestamentlichen Schriften im 2. Jahrhundert sind nicht mehr auf Papyrusrollen, sondern in einem Pergament-Codex festgehalten, der sich für größere Werke besser eignete. Auch juristische Texte sammelte man in Buchform. Sprichwörtliche Bedeutung bekam der Codex Iustiniânus (6. Jahrhundert), die Gesetzessammlung von Kaiser Justinian, durch die das romanische codice (französisch code) die Bedeutung 'Gesetzbuch' bekam.

Unser Wort Buch hat schon in den ältesten Belegen ein griechisches oder lateinisches Schriftwerk auf Papyrus oder Pergament bezeichnet, muss aber in der Frühzeit eine 'Tafel aus Buchenholz' gemeint haben. Mit Tinte beschriftete Holztafeln waren bei den römischen Grenzposten in Gebrauch.[2]

Fragen wir uns zum Schluss, woher Pergamon seinen Namen hat: Pérgamos war in Kleinasien die Höhenburg (wie die Veste Otzberg) als Kristallisationspunkt einer Stadt. So war das auch in Pergamon. Die Stadt liegt wie das italienische Bergamo (alt Bergomum) auf einer Anhöhe. Perg- bedeutet 'Berg'. In den altanatolischen Sprachen stand p regelmäßig für b. Pergament lässt sich also als 'Haut aus Bergstadt' übersetzen'.

 

[2] Im römischen Kastell Vindolanda an der Grenze zu Schottland wurde ein ganzes Archiv gefunden.

 

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Sprachecke 19.06.2007 | 22.05.2012 | 29.05.2012 | Türkeireise 2012

 

Datum: 14.05.2012

Aktuell: 09.02.2019