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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die letzten Trojaner

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Eine lange Überlieferungsspur zieht sich vom Ilios Homers bis ins mittelalterliche Worms und nach Ungarn.

Um 1200 v. Chr. war die Welt in Aufruhr: Die sogenannten Seevölker fielen auf dem See- und Landweg in die östlichen Mittelmeerländer ein, scheuchten andere Stämme auf, griffen Ägypten an und zerschlugen das Hethitische Reich in Kleinasien. In dieser Zeit soll auch Troja zerstört worden sein, nach antiken Berechnungen um 1200. Das passt gut zu den archäologischen Funden, wonach das Troja der Ausgrabungsschicht VII um 1190 zerstört wurde.

Homer nennt diese Stadt Ilios, die Bewohner Trôes (lateinisch Troiâni). Dazu scheinen zwei Landesnamen zu passen, die man in den 1920er-Jahren in hethitischen Texten entdeckt hat, Wilusa und Taruisa (13. Jahrhundert). Wilusa in West-Anatolien wurde mit Homers Ilios gleichgesetzt. Taruisa, das man für Troja hielt, lässt sich nicht lokalisieren. Welche Orte gemeint sind, wissen wir nicht.

Der griechische Gelehrte Herodot (5. Jahrhundert v. Chr.) berichtet von einem Volk, das wegen einer Hungersnot aus Westkleinasien mit Schiffen in die Toscana ausgewandert sei. [1] Ähnlich erzählt eine römische Sage aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., Trojaner seien aus der zerstörten Stadt nach Italien geflohen und hätten sich dort niedergelassen. [2] Gemeint sind die Etrusker, die bei den Griechen Tyrsênoí hießen, bei den Römern Etrusci und Tusci. Sie selbst nannten sich Rasenna. In Italien wurde das ursprüngliche T(y)r- durch eTr-, T- oder R- ersetzt. [3]
Woher kommt dieser Name? Bei den Hurritern (vor 4000 Jahren in Armenien und Kurdistan) war tarsuwanni der 'Mensch'. Von tarsuwanni zu Tyrsênoí ist kein weiter Weg. Steckt dieses Wort auch im Namen von Tr(s)u(w)-ia, Troja?

Nach dem mittelhochdeutschen Annolied kamen trojanische Flüchtlinge auch an den Niederrhein und gründeten dort eine Stadt. Sie nannten den Ort Troja und den dortigen Bach Sante (nach dem heimatlichen Fluss Xanthos [4]). Gemeint ist die ehemalige römische Colônia Traiâna, die heute Xanten heißt, abgeleitet von ad Sanctos, deutsch ze Santen 'bei den Heiligen', über deren Gräbern der Dom gebaut wurde.

Die Spur der letzten Trojaner führt schließlich zu den Nibelungen nach Worms: Dort lebten Siegfried aus Xanten und Hagen von Troie [5] eine Zeitlang einträchtig beisammen. Dann erschlug der Trojaner den Xantener und kam selbst bei den Hunnen in Ungarn ums Leben.

Was wir heute Trojaner nennen, die Computerschädlinge, sind eigentlich "Griechen", die Angreifer der Sage. Die alten Trojaner waren die Verteidiger. Das moderne Wort Trojaner ist gekürzt aus Trojanisches Pferd, mit dem die Griechen in die Stadt eindrangen.

 

[2] Vergil, Aeneis

[3] E-trusci wie Smyra > türk. I-zmir, (t)Rasenna wie (G)las > finn. lasi

[4] nach Homer der "göttliche  Name" des Skamandros

[5] Schreibung der "Darmstädter Handschrift" n des Nibelungenlieds.

 

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Datum: 29.05.2012

Aktuell: 27.03.2021