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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Rot ist die Liebe

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wir verbinden Farben mit bestimmten Geisteshaltungen und Gemütszuständen. Wie kommen wir darauf? [1]

"Rot ist die Liebe", das ist leicht zu erklären: Wir bekommen einen roten Kopf, wenn wir erregt sind, verlegen oder auch verliebt. Rot ist die Farbe des Blutes und damit des prallen Lebens - und die Farbe der blutigen Revolution. Wir werden nicht nur rot, wenn wir erregt sind, sondern wir "sehen rot", wenn wir wütend sind. Grund: Wenn die Steinzeitmenschen Rotes sahen, konnte das Blut sein, also eine Gefahr, gegen die sie sich wehren mussten.

"Blau ist die Treue": Nach einer mittelalterlichen Handschrift ist "Zorn schwarz, Beständigkeit blau". Blau verbinden wir heute mit innerer Ruhe. Wer ruhig ist, strebt nicht nach Veränderung und kann deshalb beständig und treu sein. Wer ruhig ist und seine Umgebung nicht argwöhnisch beobachten muss, kann gefahrlos seine Gedanken spazieren gehen lassen.
Blau ist die Farbe des Himmels, der Sehnsucht und der Phantasie. Die "blaue Blume" war in der Romantik ein Symbol für die Sehnsucht und die Suche nach einem Ziel. Im Reich der Phantasie ist alles luftig und nebelhaft, deshalb ist blau auch die Farbe des Unbestimmten, wie bei einer "Fahrt ins Blaue", ja sogar der Lüge, wenn jemand "das Blaue vom Himmel herunter verspricht", und der Bewusstlosigkeit, von der man früher sagte: "Mir wurde blau vor den Augen". Deshalb nennen wir heute einen Betrunkenen "blau".

"Grün ist die Hoffnung": In der mittelalterlichen Dichtung wurde grün auf den "Anfang der Minne" bezogen und Schiller dichtete: "O! daß sie ewig grünen bliebe, Die schöne Zeit der jungen Liebe!" [2] Am Anfang sind wir voller Hoffnung. Aus der Rückschau erscheint uns der Anfang unausgegoren und unreif, wie beim "Grünschnabel", der noch keine Ahnung hat, aber mitreden will.

"Gelb ist der Neid", sagte man ebenfalls schon im Mittelalter. Damals war Neid nicht 'Missgunst', sondern 'Feindseligkeit'. Wenn wir "grün oder gelb vor Ärger" werden, hängt das damit zusammen, dass man früher diese Empfindungen der Galle zugeschrieben hat. Jähzornige Menschen bezeichnen wir als Choleriker, zu griechisch kholê 'die grüngelbe Galle', und wir sagen: "Da läuft einem die Galle über".

Woher kommen die Farbnamen? Rot geht zurück auf hereud- 'flüssiges Metall' wie bei hebräisch harûts 'Gold', altdeutsch Erz 'Kupfer', finnisch rauta 'Eisen'. Das Grundwort her- 'sich bewegen' steckt auch in Rad und in Flussnamen wie Rodau.

Blau und gelb sind alte Farbwörter aus dem Indogermanischen, verwandt mit Blei, bleich, blass und Galle, Gold.

Grün ist verwandt mit Gras und englisch grow 'wachsen' und kommt von indogermanisch gʰer- 'spitz hervorragen' wie die Grannen der Gerste.

 

 

 

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Echo Online | Sprachecke 24.08.2004 | 26.10.2010

Begriffe Farben | Quellen Farbsymbolik

 

Datum: 12.06.2012

Aktuell: 09.02.2019