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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Tüpfelchen oben drauf

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Da das lateinische Alphabet für die heutigen Bedürfnisse nicht ausreicht, setzen wir Hilfszeichen auf oder unter die Buchstaben.

Die Franzosen haben ihre Akzente auf den Buchstaben (é, è, ê) [1] und das Häkchen (cedille [2]) unterm c, das ausdrückt, dass c wie s gesprochen wird (français 'französisch). Das Trema (Doppelpunkt auf dem Buchstaben) Web soll verhindern, dass man zwei Vokale zu einem verschmilzt: französisch naïf 'einfältig' Web wird "na-if" gesprochen, nicht "näf".

Im Deutschen bezeichnen diese Tüpfel vor allem die Umlaute: die ähnlich wie e oder i klingenden Varianten von a, o, u [3]. Die unterschiedliche  Verwendung der zwei Punkte kann zu Missverständnissen führen: Das Sternbild des "Bärenhüters" [4] heißt auf Griechisch Boôtês, englisch "Boötes" [5] geschrieben, deutsch aber "Bootes". Wir sind geneigt, die englische Schreibung mit Umlaut und die deutsche wie bei "Boot" zu lesen. Richtig sind aber zwei getrennte o.

Das deutsche Umlautzeichen ist aus ae, oe, ue entstanden. [6] Das e hat man in der frühen Neuzeit bei Kleinbuchstaben auf den vorherigen Vokal gesetzt [7] und nur bei Großbuchstaben daneben stehen lassen:

[8]

Daneben gab es schon im 16. Jahrhundert zwei Punkte oder Striche oder ein Halbkreis  über dem Vokal. [9] Für ein e oder Punkte über dem Großbuchstaben war kein Platz mehr in der Zeile. Bis etwa 1900 schrieb man "ärgern", aber "Aerger". Deshalb lesen wir immer noch "Ueberau" und nicht "Überau". Der Doppelbuchstabe war nur ein Notbehelf der Schriftsetzer und keine abweichende Wortform.

Umlaute gibt es auch in anderen Sprachen. [10] Der älteste ist das griechische y: Týrsis 'Turm' Web wurde hochgriechisch mit ü gesprochen, in Unteritalien aber mit dem ursprünglichen u. Deshalb entlehnten die Römer dieses Wort als turris, von dem unser Turm stammt. Um die korrekte hochgriechische Aussprache jüngerer Fremdwörter zu gewährleisten, übernahmen die Römer das Ypsilon in ihre Schrift.

Der Umlaut ist eine Anpassung an die lautliche Umgebung. Im Germanischen hat i oder j in der folgenden Silbe eine Umfärbung des vorhergehenden Vokals bewirkt: bôsi ergab böse, aus loufit wurde läuft. Andere Buchstaben werden ebenfalls unterschiedlich ausgesprochen, aber ohne dass wir es in der Schrift unterscheiden: ach / ich, die beiden st in stehst. [11]

Das Tüpfelchen auf dem i steht zur besseren Lesbarkeit: In der Schreibschrift und auch in der Druckschrift lassen sich die Buchstaben nicht immer deutlich gegeneinander abgrenzen (m oder rn?). Das unscheinbare i und die Schreibvariante j wären ohne Punkt kaum zu erkennen. Deutsches y war eigentlich ij (langes i) [12] und trug daher manchmal ebenfalls Punkte.


[1] É ist geschlossen wie in "Esel", è offen wie in "Ähre". Ê deutet geschwundenes s an (même aus mesme 'selbst'). Das sind strenggenommen keine "Akzente", Betonungszeichen, sondern "diakritische Zeichen", die eine abweichende Aussprache anzeigen.

[3] genauer: a, o, u mit gehobener Zunge = ä, ö, ü
manchmal auch e, i mit gerundeten Lippen = ö (zwelf > zwölf), ü (norddeutsche Aussprache)

[6] daher die Buchstabenverbindungen æ, œ. Für ue steht in einigen Sprachen y oder einfaches u, wenn dieses immer so ausgesprochen wird. Skandinavisch œ, ǫ, ø haben unterschiedliche Lautwerte.

[7] In Handschriften steht meist ein gewundener Schrägstrich. Im Druck war aber bis 1800 das übergeschriebene e üblich. Wenn in der Handschrift statt Punkten oft Striche zu sehen sind, lag das an der spitzen Feder, mit der Striche leichter zu schreiben waren als Punkte. Auch i und j trugen oft einen Strich.

Uo,  ů war wie ie ein echter Zwielaut "u-o, i-e", so heute noch in Süddeutschland. Im Fränkischen wurden daraus lange Vokale, das ° wurde also überflüssig. Aus ů ist das ŭ der deutschen Schreibschrift entstanden, dessen Überzeichen wie der i-Tüpfel nur Lesehilfe war.

[8] Kaspar Stieler Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder Teutscher Sprachschatz (1691/ 1968) 1,16. Aecht ist Imperativ von ächten 'für rechtlos erklären'. Die Stichwörter sind immer großgeschrieben.

[10] englisch man, Plural men 'Mann, Männer'
englisch
burn, bird 'brennen Vogel', französisch beurre 'Butter': ähnlich wie ö
altenglisch
bydel 'Büttel, französisch nature 'Natur': wie ü
Im Finnischen, Ungarischen, Türkischen, Mongolischen haben die Endungen Umlaut, der sich nach dem Vokal der Stammsilbe richtet. "Umlaute" kommen aber auch in der Stammsilbe vor.
Die slawischen und türkischen Sprachen haben zwei parallele Vokalsätze, die nach unterschiedlichen Regeln angewandt werden.
Auch im Lateinischen ist eine doppelte Aussprache der Vokale überliefert. (The Roman Pronunciation of Latin)

[11] In diesen Fällen ist eine besondere Kennzeichnung nicht nötig, weil sich die richtige Aussprache aus der lautlichen Umgebung ergibt.

[12] so etwa bei der Wiedergabe der alemannischen Mundarten und des "Schwyzerdütschs". Im Niederländischen wurde ij zum Diphthong: mhd. mîn = Schweiz myn - nhd. mein, ndl. mijn "mäin"

 

 

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Echo Online

 

Datum: 17.12.2012

Aktuell: 09.02.2019