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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Hessische Küche

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Fremde wundern sich über das merkwürdige Inventar, mit dem die hessische Küche ausgestattet ist.

Die norddeutsche Küchenhilfe verstand in den ersten Tagen erst mal gar nichts, als ihr die Madame sagte, sie solle "mit dem Kneibchen Gelberüben in den Groppen schneiden, ein paar Gummern aus dem Düppen nehmen, der Madame einen Kumpen Kaffee und sich selbst ein Köppchen machen."

Düppen Web ist ein Topf. Er hieß ursprünglich dupin 'mit einer Vertiefung' und gehört zu tief. In Ostdeutschland hielt man -in für eine Verkleinerungssilbe und formte das Wort lautgerecht zu Topf um.
Auch Groppen
Web ist ein Topf. Das Grundwort grup- bedeutete 'reiben, grob mahlen'. Getreide hatte man in der Steinzeit zerkleinert, indem man es zwischen zwei Steinen zerrieb. Einer der beiden Steine wurde durch den häufigen Gebrauch ausgehöhlt wie eine Schüssel [1], das gab dem Groppen seinen Namen.
Beide Wörter gehen wohl vom ausgehöhlten Reibestein aus und bezeichnen ein Gefäß. Heute unterscheiden wir in Südhessen den irdenen Düppen vom eisernen Groppen 'Kochtopf'.

Das Kneibchen Web ist ein kleines Küchenmesser zum freihändigen Schneiden: Man nimmt dabei die Möhre zwischen Messer und Daumen und "kneift" ein Stück ab. Der große Kneip ist ein Schustermesser zum Lederschneiden.
Dieses Wort hat eine merkwürdige Geschichte. Es ist in fast ganz Westeuropa verbreitet, aber nicht älter als 1000 Jahre und hat seinen Ursprung wohl im Altniederländischen. In Skandinavien und im Englischen ist kniv, knife heute Standardwort für 'Messer', tritt dort aber erst spät auf. In Deutschland ist plattdeutsches Knief und Kniep seit dem Spätmittelalter bezeugt, hochdeutsches Kneif und Kneip erst seit 1540, und zwar in der Bedeutung 'kleines Messer, das man immer bei sich trägt'. Die Formen haben sich durch den Handel vermischt. Regelrecht müssten plattdeutsch Knief und hochdeutsch Kneib sein.

In Gummer Web lebt das lateinische cucumis (Genitiv cucumeris) weiter, während das ostdeutsche Gurke Web auf altpolnisches ogurek zurückgeht.

Begriffe Kürbisgewächse

Kumpen Web und Köppchen Web sind 'Henkelbecher' und 'Tasse'. Kumpen ist wohl ein altes Fremdwort aus dem Keltischen, dem das germanische Humpen entspricht, eigentlich 'Klumpen, Buckel': Man kann denselben Gegenstand von außen als 'Wölbung', von innen als 'Becher' betrachten.

Die Tasse ist im Hessischen ein Neuling. Das erkennen wir schon an der Aussprache Tass neben dem schon lange gebräuchlichen Deller 'Teller': Das Althessische hatte kein spitzes "t". Den Kaffee trank man aus dem Kopp in der alten Bedeutung 'Schale' (lateinisch cuppa). Was wir heute Kopf nennen, der Körperteil, hieß früher Haupt. Gemeint ist die Schädeldecke (Hirnschale).

 

[1] Lehreinheit Geschichte -Projekt Mahlsteine

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Echo Online

 

Datum:  11.09.2012

Aktuell: 09.02.2019