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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Rätsel des Meeres

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Das Meer ist voller Geheimnisse. Auch unsre Wörter und Ausdrücke dafür sind oft rätselhaft.

Unser Enkel saß in der Badewanne und fragte: Warum sagt man "unter Wasser", wenn wir 'im Wasser' meinen? Unterm Wasser ist doch der Boden der Wanne! Was soll man darauf antworten?

Rätselhaft ist auch "die hohe See". Die ist da, wo das Wasser tief ist. Einen ähnlichen Ausdruck hat das Lateinische: "mare altum", wörtlich das hohe Meer. Man sprach auch von "saltus altus", dem hohen Wald. Wir sagen in beiden Fällen tief, gemeint ist die senkrechte oder waagrechte Entfernung vom Sprecher. Unser Hochwald hat hohe Bäume, auch wenn wir nach einer Viertelstunde am anderen Ende sind. So ist auch "die Hochsee" zu verstehen: Dort ist hoher Seegang.
Unser Badesee ist weder hoch noch tief, aber männlich. Die Unterscheidung zwischen "dem" Binnensee und "der" Hochsee kam im 16. Jahrhundert auf und ist erst im 19. Jahrhundert allgemein gebräuchlich geworden. Ursprünglich war See männlich. An der Waterkant aber hat sich das weibliche Geschlecht durchgesetzt.
Auch das Wort See, germanisch saiwas, wirkt rätselhaft.
Web Zum einen, weil es nur in den germanischen Sprachen verwendet wird, zum andern, weil wir ja auch von den Indogermanen das Meer geerbt haben. Wenn man annimmt, dass See der vorindogermanische Name der Nord- und Ostsee ist, lässt sich anknüpfen an Wörter anderer Sprachen für 'Wasser' wie türkisch su 'Wasser', finnisch suo 'Sumpf', ägyptisch (rekonstruiert) schui 'Teich', Suaheli ziwa (mit stimmhaftem s) 'See'. Web So rätselhaft ist See also nicht, man muss nur mal über den eigenen Tellerrand schauen.

Meer, indogermanisch mori, ist verwandt mit Moor 'Torfgebiet', ursprünglich 'Sumpf'. Web Das lässt sich noch bei südhessischen Flurnamen wie Meerwiese[1], Im Maar[2] erahnen.[3] Auch See kommt in Flurnamen und im Namen von Seeheim Web vor.[4]
Im Standarddeutschen ist Meer der 'Ozean' und See der 'Teich'. Die Nordseeanwohner sehen das anders: Die frühere Zuiderzee ('Südersee') wurde eingedeicht und wird jetzt Ijsselmeer genannt. Ein großer See in Niedersachsen heißt Steinhuder Meer,
[5] aber das "Schwäbische Meer" Bodensee.

Ozean 'Weltmeer', griechisch ôkeanós 'das Wasser, das die Erdscheibe umgibt' gehört zu lateinisch aqua, indogermanisch hequa 'Wasser', davon abgeleitet ist ohqueanós 'Gewässer'. Web

Was den Steinhudern ihr Meer ist, ist den Darmstädtern ihr Woog, nur kleiner. Dessen Name ist verwandt mit Woge, der mittelhochdeutsche Vorläufer wâc bezeichnete  das 'bewegte Wasser' in Fluss, Teich oder Meer. Web

Wer im Woog, Plattensee oder Indischen Ozean taucht, gerät "unter Wasser". Gemeint ist 'unter die Wasseroberfläche'. Das ist eine abgekürzte Redeweise.

 

[1] Bensheim, Wiebelsbach

[2] Schaafheim

[3] Helmut Ramge, Südhessisches Flurnamenbuch 671 f

[4] Helmut Ramge, Südhessisches Flurnamenbuch 856

 

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Übersicht

 

Echo Online
Begriffe Wasser | Sprachecke  | 22.01.2013 | 29.01.2013

 

Datum: 15.01.2013

Aktuell: 09.02.2019