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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Erfindung des Schiffs

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Schiff

Kahn

Boot

Nachen

Behälter

Kirchenschiff

 

Die Germanen haben das Schiff erfunden - nicht das Wasserfahrzeug, sondern das Wort. Schiffe gab es schon viel früher.

In England fand man ein 9500 Jahre altes Paddel,[1] einen Einbaum aus Italien schätzt man auf 9000 Jahre.[2] Schon vor 50.000 Jahren mussten die ersten Auswanderer nach Australien den Ozean überqueren und brauchten dazu seetüchtige Boote.[3] Die Germanen waren also bei weitem nicht die ersten Schiffer.

Aber sie haben das Wort skipam, deutsch Schiff geprägt. Web Warum war das nötig? Warum haben sie nicht das indogermanische Wort nâus Web beibehalten? Kannten sie es nicht? Stammt das germanische Wort von der steinzeitlichen Urbevölkerung? Oder spiegelt sich in diesem neuen Ausdruck eine technische Revolution: der Übergang vom ausgehöhlten Baumstamm zum gezimmerten Schiff? Das Grundwort skibom gehört wohl zu indogermanisch skei- 'schneiden, trennen, scheiden', von dem auch unser scheiden abstammt. Web Gemeint ist wohl 'sägen, Balken und Bretter machen', nicht 'einen Baumstamm aushöhlen'.

Für den Einbaum ist uns ein anderes Wort erhalten, Kahn. Er ist wie die ursprünglich hölzerne Kanne verwandt mit altindisch khan- 'graben'. Wie wir an Kanu erkennen können, einem Ausdruck aus der Karibik, ist Kahn wohl der älteste Name des Einbaums. Web

Zu einem kleinen Wasserfahrzeug sagen wir Boot, aus altenglisch bát, heute boat. Das lange á stand für germanisch ei. Die altnordische Entsprechung war beit(i) 'Schiff', ein seltener poetischer Ausdruck. In einem deutschen Text aus dem 15. Jahrhundert ist ein Beizelschiff erwähnt. Altnordisch beita, deutsch beizen war 'beißen lassen' mit einigen Sonderbedeutungen wie 'einem Pferd das Gebiss anlegen, es aufzäumen', sodann 'zum Ziehen vorspannen'. Das kleine Hilfsboot wurde von einem großen Schiff gezogen. Vielleicht ist dies das Benennungsmotiv für Boot. Das deutsche Beizelschiff könnte ein Treidelschiff gewesen sein, das von Zugtieren flussaufwärts geschleppt wurde. Das hochdeutsche Boot ist übers Niederdeutsche aus mittelenglisch boot entlehnt. Web

Am Rhein gebräuchlich war der schmale Nachen, aus mittellateinisch naucum, noccum 'schiffsähnlicher Trog' und abgeleitet von indogermanisch naûs 'Schiff'. Web

Wie englisch vessel 'Gefäß, Schiff' und plattdeutsch Pott 'Topf, Schiff' zeigen, hat man Wasserfahrzeuge gern mit Behältern verglichen. Und umgekehrt: Im alten Kohlenherd in der Küche befand sich ein "Schiff", in dem heißes Wasser bereit gehalten wurde.

Anders zu verstehen ist Kirchenschiff, der Hauptraum einer Kirche, eine Vermengung von griechisch naós 'Tempel, Kirche' und naûs 'Schiff'. Web

 

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Übersicht

 

Echo Online

Begriffe: Schiff | Sprachecke 15.01.2013 | 29.01.2013

 

Datum: 22.01.2013

Aktuell: 09.02.2019