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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Aschenputtel

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Das Märchen vom Aschenputtel erzählt von einem Mädchen, das arbeiten lernt, bevor es seinen Prinzen bekommt.

"Dem Puttel blieb die Dreckarbeit. Die Schwestern faulenzten zu zweit. Die Mutter, die war bös und stief, selbst als der Prinz zur Party rief: Sie warf die Linsen in den Dreck und ging mit ihren Töchtern weg. Die Tauben haben ganz geschickt die Körner wieder rausgepickt. Als diese Arbeit war getan, zog Puttel sich was Schönes an. Der Prinz, der tanzt' mit ihr allein, nicht mit den Schwestern, die gemein. Dann klaute er sich ihren Schuh und suchte sich die Braut dazu. Und als sie aufgefunden war, da führt' er sie zum Traualtar."

Märchen sind wahre Geschichten, wie sie immer wieder vorkommen: In den 30er-Jahren musste eine Schülerin an Stelle ihrer schwer kranken Mutter den Haushalt und das Vieh versorgen und sich um ihre kleineren Geschwister kümmern. Sie hatte keine schöne Kindheit, sondern musste "gleich groß sein". Ihr erging es wie dem Aschenputtel.

Die Heldin dieses Märchens bekam nach Grimm ihren Spitznamen, weil sie neben dem Herd in der Asche schlafen musste. Puddeln sagt man auch, wenn die Hühner ein Sandbad nehmen und der "Pudelhund" sich im Wasser tummelt. Dazu gehört auch buddeln 'in der Erde wühlen'. In der Asche "buddeln" war eine Aufgabe der Küchenhilfe: Sie musste morgens den Herd sauber machen und die Asche raustragen. Andere Spitznamen waren Äschengrüdel (Grude 'glühende Asche'), Aschenpüster (pusten, hier 'das Feuer anblasen und dabei Asche aufwirbeln') und Aschenbrödel ('in der heißen Asche gebackenes kleines Brot'). Die Mägde und Knechte hatten nicht immer ein eigenes Zimmer. Oft schliefen sie an ihrem Arbeitsplatz, im Stall oder in der Küche. Dort war es warm, aber entsprechend schmutzig sahen sie morgens aus. Jeden Tag duschen und frische Kleider anziehen gab's nicht.

Auch in den ausländischen Vorbildern dieses Märchens ist die Heldin nach der Asche benannt: Italien: Giambattista Basile [1] (1634-36) La gatta cenerentola [2] 'die Aschenkatze' (die Katze schläft gern am Herd). Frankreich: Charles Perrault [3] (1697) Cendrillon 'Aschenmensch'. Das italienisch klingende Cinderella des englischen Märchens ist daraus rückgebildet (alles zu lateinisch cinera 'Aschen').

Der Aschermittwoch ist kein Gedenktag an diese tapfere Märchenheldin, sondern der Beginn der Fastenzeit. Da lassen sich die Katholiken als Zeichen der Buße ein Aschenkreuz auf die Stirn zeichnen.[4]

Aschenputtels Schicksal war der normale Werdegang einer jungen Frau: erst Hilfskraft, dann Chefin und Ehefrau ihres genauso tüchtigen "Prinzen". Der wollte doch kein gestyltes Partygirl und keine verwöhnte Zimperliese wie die "Prinzessin auf der Erbse".[5]

 

[2] Original: Cennerentola (La gatta Cenerentola - Wikipedia It.)

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Datum: 06.02.2013

Aktuell: 06.02.2020