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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sucht und Zucht

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"E bißje Beschäftigung is dorum aach ganz schee, sie derf nor net in Arweit ausarte ",[1] schreibt Robert Schneider.[2]

Wenn etwas zur Pflicht wird, ist der Spaß vorbei, glauben viele und verkennen dabei, dass auch Arbeit Freude machen kann, wenn wir sie mit Liebe tun.

Zum Durchhalten gehört Selbstdisziplin, früher sagte man Selbstzucht. Man darf bei seiner Arbeit nicht seinen momentanen Neigungen nachgeben und sich ablenken lassen, sondern muss dran bleiben. Lateinisch disciplîna ist eigentlich die 'Lehre', zu verstehen als Unterricht und damit erworbene Fähigkeiten, Wissen, Bildung und Erziehung zu gesittetem Verhalten. Web Ein gebildeter Mensch galt nicht nur als belesen, sondern auch als wohlerzogen und selbstbeherrscht.

Bei Zucht denken wir heute vor allem an die Tätigkeit der Züchter, die durch gezielte Auslese bestehende Sorten und Rassen erhalten und neue erzeugen. Früher verstand man Zucht mehr im Sinn von 'Erziehung' ("Zucht und Ordnung"). Web Ziehen, aufziehen, erziehen, zeugen, erzeugen gehören wie Zug und Zucht zur selben Wortfamilie. Web

Zucht klingt so ähnlich wie Sucht, ist aber ungefähr das Gegenteil. Wer Selbstzucht übt, ist in der Regel kein selbstsüchtiger Egoist, sondern stellt seine Bedürfnisse und Wünsche zugunsten eines höheren Zieles zurück. Verwechseln kann man diese beiden Wörter eigentlich nicht. Und trotzdem ist so etwas passiert, nämlich beim hessischen Lebsucht: Das ist nicht das Laster eines Lebemannes, der "etwas vom Leben haben" und ihm nichts geben will, sondern der 'Lebensunterhalt', eigentlich die Lebzucht, von Zucht im Sinn von 'Nahrung'. Die hochdeutsche Form ist Leibzucht. Beide Wörter gab's schon im Mittelalter.

Franz Grillparzer reimte: "Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft."[3] Kommt Sucht von suchen? Der Süchtige "sucht" ja tatsächlich stets nach einem neuen Lusterlebnis und ruiniert sich damit selbst. Aber der Schwindsüchtige ist nicht bestrebt zu schwinden, abzunehmen, sondern leidet an Tuberkulose, der Fallsüchtige an Epilepsie.

Sucht gehört zu siech 'krank'.[4] Sucht ist eine Krankheit und nicht bloß eine Untugend, von der man mit etwas gutem Willen lassen kann. Auch der Eifersüchtige ist krank, gekränkt durch einen Nebenbuhler. Sein Eifer Web ist nicht Begeisterung und nützlicher Fleiß, sondern Zorn.

"Alles, was Spaß macht, ist entweder ungesund, unmoralisch oder verboten", behauptet der Volksmund. Und wir müssen hinzufügen: "Es kann süchtig machen". Sogar die Arbeit: Auf Neudeutsch sagt man workaholic  'arbeitssüchtig' (zu work 'Arbeit' und alcoholic 'Alkoholiker')[5], auf Altdeutsch: "Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, ist verrückt."

 

[1] "Ein bisschen Beschäftigung ist darum auch ganz schön, sie darf nur nicht in Arbeit ausarten." (Darmstädtisches von Robert Schneider 156)

[2] Darmstädter Mundartdichter (1875-1945)

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Echo Online

Begriffe: krank - gesund

 

Datum: 12.03.2013

Aktuell: 09.02.2019