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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Der Klapperstorch [1]

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Storch, Storch, Guter, bring mir einen Bruder, Storch, Storch, Bester, bring mir eine Schwester", riefen die Kinder, wenn sie einen Storch sahen.

Ein ähnlicher Reim war schon 1678 bekannt: "Klapperstorch, Langbein! bring meiner Mutter ein Kind heim!" Das "Märchen vom Klapperstorch" ist ganz kurz: Der Vogel fischt die kleinen Kinder aus einem Teich oder einer Quelle und bringt sie den künftigen Eltern. Das ist kein Märchen, sondern ein Geburtsmythos, eine bildhafte Erklärung auf die Frage, woher die kleinen Kinder kommen.

Wie kommt man darauf? Die kleinen Kinder werden ja tatsächlich aus einer Art "Brunnen" gezogen und kommen nass auf die Welt. Der Brunnenschacht als Verbindungsglied zwischen zwei Welten spielt auch in anderen Märchen eine Rolle: In "Frau Holle" springt die Goldmarie verzweifelt hinein, macht also ihre Geburt rückgängig, und landet auf der Himmelswiese und bei Frau Holle, die es schneien lässt.[2] - Im "Froschkönig" fällt die goldene Kugel der Prinzessin in den Brunnen. Ein Frosch holt sie wieder heraus. Eine Zeit später begehrt er Einlass in das Schloss, will von der Prinzessin gefüttert und zu Bett gebracht werden, wie ein kleines Kind. In diesem Märchen ist es aber kein Kind, sondern der verzauberte künftige Ehemann.[3] - "Schneewittchen" beginnt  damit, dass sich die Königin ein Kind wünscht und ein Frosch ihr sagt, dass sie Mutter wird.[4] Der Frosch ist als Wasserbewohner ein passendes Bild für das Neugeborene, und der Storch, der ja Frösche fängt, der geeignete Überbringer.

Dazu kommt aber noch ein anderes Bild: "Der Storch hat der Mutter ins Bein gebissen." Im Mittelalter war "des Mannes Storch" eine der vielen Umschreibungen für das, was der Mann hat und die Frau nicht. Das "Märchen vom Klapperstorch" verbindet also in bildhafter Weise Zeugung und Geburt.

Eine ganz andere Erklärung steckt in dem alten Reim: "Darauf so bin ich gegangen nach Sachsen, wo die schönen Mägdlein auf den Bäumen wachsen; hätt ich daran gedacht, so hätt ich mir eins davon mitgebracht."[5] Gemeint ist, dass sie wie Äpfel an dem Baum hängen und reifen: ein Bild vom Eierstock. Im Märchen sind die Äpfel aus Gold, wie die Kugel der Prinzessin.

Ein drittes Bild ist "Der goldne Vogel", der im gleichnamigen Märchen die goldnen Äpfel stiehlt. Das alte Ehepaar kann keine Kinder mehr bekommen. Der Sohn macht sich auf die Suche und bringt nach mancherlei Abenteuern Äpfel und Vogel und auch eine Frau mit.[6] Damit kann der Kreislauf der Lebens weitergehen.
Der Vogel ist hier ein Bild für die Seele des Kindes: ein  geflügeltes Himmelswesen, das sich mit dem werdenden Körper im Mutterleib verbindet. Damit sind wir wieder beim Storch.

 

 

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Datum: 02.04.2013

Aktuell: 23.06.2019