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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Starke und Schwache

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Im Märchen hat ein schmächtiges Schneiderlein den mächtigen Riesen ausgetrickst und gezeigt, dass man mit Köpfchen weiter kommt als mit schierer Muskelkraft.

Starke und Schwache gibt es auch in der Grammatik: unterschiedliche Arten die Wörter zu beugen. Die starken Wörter werden mit einer Vielzahl von Endungen und Lautvariationen dekliniert und konjugiert: das Dorf, des Dorfes, die Dörfer, Dörfchen; ziehen, zog, gezogen. Die schwachen kommen mit wenigen Formen aus: die Burg, der Burg, die Burgen; sagen, sagte, gesagt. Sind sie gescheiter als die starken?

Stark oder schwach ist aber nicht das Wort, sondern die Beugung. Bei der starken Beugung werden die Wörter "stark" verändert, nicht nur mit Endungen, sondern auch mit Ablaut (singen, sang), Umlaut (Dorf, Dörfer) und Konsonantenveränderungen (ziehen, zog). Bei der schwachen Beugung werden sie nur "schwach", ein bisschen verändert mit einigen wenigen Zusatzsilben (sag-en, sag-e, sag-te, ge-sag-t).

Diese Unregelmäßigkeiten sind Überreste früherer Sprachzustände, in denen sie systematisch angewandt wurden. Eins der ältesten Mittel zur Wortveränderung ist der Ablaut, eine Änderung des Vokals in der Stammsilbe. Die Indogermanen setzten ihn ein bei der Wortbildung: griechisch légein 'sagen', lógos 'Wort', deutsch stieben, Staub. Im Germanischen diente der Ablaut vor allem zur Bildung der Stammformen bei Verben: nehmen, nahm, genommen. Die ältesten Verben haben Ablaut (starke Beugung). Abgeleitete schwache Verben bilden ihre Stammformen ohne Ablaut mit t: führen, führte, zu fahren, fuhr.

Bei fuhr, führen erkennen wir eine andere Vokaländerung, den Umlaut. Hier hat ein folgender Laut die Stammsilbe umgefärbt: Bei führen war es ein j (fuorjan), bei gibt ein i (gibit). Auch der Umlaut bei der Pluralbildung geht zurück auf ein altes i in der Endung: Gast, Gäste (gesti); Dorf, Dörfer (dorfir); aber Tag, Tage (taga).

Ein anderes altes Mittel der Wortbeugung und -bildung war die Akzentverlagerung, welche die Aussprache verändert. Im Russischen gibt es das heute noch: Gôrad ist die Stadt, garadôk das Städtchen. Geschrieben wird alles mit o. Im Deutschen haben wir das Nebeneinander von Ûrlaub und erláuben.

Auf Akzentverlagerung geht auch der Konsonantenwechsel zurück in ziehen, gezogen: Im Urgermanischen war ein Reibelaut nach einem betonten Vokal stimmlos, sonst stimmhaft. Wir können also rekonstruieren: indogermanisch deúkana ergab urgermanisch tíuchan, deutsch ziehen, dukanós dagegen tughanás, deutsch gezogen (mit stimmhaftem ch). Ähnlich bei nésan und neséjan 'retten'. Das stimmhafte s im zweiten Wort wurde zu r, daher heute genesen und nähren.

 

 

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Echo Online

Sprachecke 02.01.2018

 

Datum: 23.04.2013

Aktuell: 09.02.2019