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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Schneewittchen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die Mutter tat den Spiegel fragen, doch der konnt' nur die Wahrheit sagen: "Madame, zu grauem Haar Ihr neigt, sich hier und da ein Fältchen zeigt." Das schlug der Alten aufs Gemüt: Die Tochter war nun voll erblüht. "Schafft mir die Göre aus dem Haus, ich halt's mit ihr hier nimmer aus!" Schneewittchen, traurig, aber munter, das kam bei fremden Leuten unter und musste dort der Kleinen warten wie heute in dem Kindergarten, bis sie im Koma niederlag vom Gift bei einem Mordanschlag. Die Kleinen haben Tag und Nacht an ihrer Lagerstatt gewacht. Als dann ein König sie entführt', da hat sie endlich sich gerührt, ein Ja gehaucht auf seine Frage und hatte nur noch schöne Tage. [1]

Diese bösen alten Weiber! Die Stiefmutter mordet Schneewittchen und macht Aschenputtel [2] und Goldmarie [3] das Leben zur Hölle. Brüderchen und Schwesterchen [4] fliehen vor der Stiefmutter in den Wald; später wird Schwesterchen von der Schwiegermutter getötet. Es sind nicht nur die angeheiraten Frauen: Die leibliche Mutter setzt Hänsel und Gretel [5] im Wald aus, wo Hänsel beinahe von der Hexe gefressen wird, und trachtet in Grimms Urfassung (1815) [6] Schneewittchen nach dem Leben. Erst in späteren Auflagen[7] ist von der zweiten Frau des Königs die Rede.
Sind es wirklich die bösen alten Weiber? Diese Geschichten sind ja aus der Sicht des Kindes erzählt, das sich manchmal ungerecht behandelt fühlt. Als Erwachsener sieht man manches anders.

Die Heldin heißt bei Grimm auf Plattdeutsch Sneewittchen, 1815 als Untertitel Schneeweißchen. Die Königin hatte sich ein Kind gewünscht: "so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz". Weiß und rot ist ein altes Schönheitsideal, [8] das schon in der Bibel vorkommt [9] und bis in die heutige Zeit nachwirkt. [10] Wie im Märchen üblich geht dieser Wunsch in Erfüllung. Aber da die Mutter der Sünde der Eitelkeit frönt, wird das bildhübsche Wunschkind zur Konkurrentin und muss dafür büßen, dass die Alte welkt, während es selbst aufblüht.

Das verstoßene Mädchen wandert über sieben Berge zu den sieben Zwergen, das sind sicher symbolische Zahlen. "Hinter den sieben Bergen" ist ganz weit weg. Die heutigen Knirpse sind nur sieben Ecken weit entfernt, in der Schule. Das siebenjährige Schneewittchen (wieder eine Symbolzahl) ist im schulpflichtigen Alter, lebt als Zwergin unter Zwergen und passt auf eins ihrer Stühlchen und in eins ihrer Bettlein. Die Gleichaltrigen bleiben ihre wichtigste Gesellschaft, bis der Prinz sie samt ihrer Mutter zur Hochzeit einlädt.

Die  Brautmutter tanzt mit rotem Kopf und weint: Ist's der Wein und die Hitze? Ist es Scham, Schmerz oder Glück? Die glühenden Pantoffeln zeigen bildhaft, wie sie sich ihres früheren Verhaltens schämt.

 

[10] heute "wie Milch und Blut": Hermann Löns: Auf der Lüneburger Heide | Udo Jürgens: Anuschka

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Datum: 04.06.2013u

Aktuell: 09.02.2019