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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Volksweisheiten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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In den nächsten Sprachecken geht es um geprägte Redewendungen, die wir heute Sprichwörter und Redensarten nennen.

Die Tochter hat ihre Fahrprüfung bestanden. Der Vater überreicht ihr einen Autoschlüssel: der erste eigene Wagen, "klein, aber mein". Sie bedankt sich und unterlässt das, was man bei einem Gebrauchtwagenkauf tun sollte: einen kritischen Blick unter die Motorhaube werfen. Denn "einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul."[1] Das ist eine kurze Verhaltensregel, die sich auch auf andere Geschenke anwenden lässt, durch Bild und Reim einprägsam und leicht zu behalten.

Die Kürze und Bildhaftigkeit ist aber manchmal schwer zu verstehen: "Lügen haben kurze Beine". Gemeint sind nicht die falschen Aussagen, sondern die Lügner, die nicht weit damit kommen. Oft ist uns auch wie beim "geschenkten Gaul" die unmittelbare Anschauung verloren gegangen: Man kann an der Abnutzung der Zähne erkennen, wie alt das Pferd ist.

Noch schwieriger ist es mit manchen Wendungen: "Bauklötzer staunen" ist erstaunt die Augen aufreißen, also "glotzen". Mit dem Spielzeug hat das nichts zu tun, das ist eine scherzhafte Entstellung.[2]

Herkömmlich unterscheiden wir Sprichwörter und Redensarten. Sprichwörter enthalten Volksweisheiten, Redensarten sind geprägte Formulierungen, die man im Satz einbaut wie  "Bauklötzer staunen". Aber so einfach ist die Unterscheidung nicht. Denn "Spruchweisheit" und "Satzbaustein", Inhalt und Form, schließen einander nicht aus.

Beide Ausdrücke wurden nicht gebildet, um das eine gegen das andere abzugrenzen. Denn Sprichwort (um 1200)[3] und Redensart (17. Jahrhundert)[4] meinten ursprünglich dasselbe: "wie man zu sagen pflegt". Sprichwort ist insofern merkwürdig, als es die Mehrzahl ‑wörter 'Vokabeln' hat und nicht -worte 'Sätze'.[5] Es ist auch der einzige Ausdruck, in dem das seltene mittelhochdeutsche spriche 'Ausspruch' weiterlebt.

Spruchweisheit ist uralt: "Irren ist menschlich" steht schon bei Cicero (106-43).[6] "Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" stammt aus dem Alten Testament.[7] Schon die Sumerer hatten kluge Merksätze: "Ein gutes Wort ist der Gefährte vieler Leute."[8] Und die Ägypter: "Wer den ganzen Tag verdrießlich ist, dem wird auch nicht ein schöner Augenblick zuteil."[9] Oft ist überliefert , von wem der Spruch stammt, der ägyptische zum Beispiel von Ptahhotep, Ende des 3. Jahrtausends v. Chr.,[10] der ein Benimm-Buch für angehende Beamte schrieb.

Auch die Zehn Gebote[11] sind Sprichwörter, verbindliche Verhaltensregeln wie die deutschen Rechtssprichwörter: "mitgefangen, mitgehangen", auch der Mitläufer wird bestraft, oder lateinisch "in dubio pro reo", im Zweifelsfall ist zugunsten des Angeklagten zu entscheiden.[12]

 

[8] Texte aus der Umwelt des Alten Testaments III, 1, 37 Nr. 3.159

[9] ... III 2, 211 Zeile 380. 381

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Echo Online

Redensarten | Sprichwörter

 

Datum: 11.06.2013

Aktuell: 09.02.2019