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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Pfarrerskinder

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Pfarrers Kind' und Müllers Küh' gedeihen selten oder nie." Wie ist dieses merkwürdige Sprichwort zu verstehen?[1]

Nach anderen Varianten geraten oder taugen sie nicht, es ist auch von den Kindern des Lehrers oder Krügers (Gastwirts) die Rede, von Töchtern oder Söhnen, allgemein vom Vieh und unterschiedlichen Tierhaltern.
Aus Tilsit und der Pfalz ist überliefert: "... Wenn sie geraten, gibt's gutes Vieh." Das ist sicher nicht das Original, sondern eine scherzhafte Umbildung (Parodie) wie bei "Morgenstund ist aller Laster Anfang".

Man hat darauf hingewiesen, dass vor 1900 über die Hälfte aller berühmten Persönlichkeiten und über ein Viertel der deutschen Dichter Pfarrerskinder waren.[2] Sie geraten also nicht "selten oder nie", sondern überdurchschnittlich oft. Aber es gibt ja auch Ausnahmen, über die man sich das Maul zerreißt.

Ist von den Kinder katholischer Pfarrer die Rede? Da sie selten sind, können sie auch nur "selten" geraten. Das kann man aber nur im protestantischen Norddeutschland so verstehen, wo man zwischen dem katholischen Pfarrer und dem evangelische Pastor unterscheidet. Bei uns im Süden nennt man beide Pfarrer und denkt natürlich an den Normalfall, dass Pfarrerskinder evangelisch sind.

Nach dem naheliegenden Verständnis müssten wir uns fragen, warum die Kinder des Pfarrers, Lehrers und Krügers wie die Kühe des Müllers nicht geraten oder gedeihen.
Eine mögliche Antwort ist, dass an die Pfarrers- und Lehrerskinder hohe Erwartungen gestellt werden, denen sie nicht immer entsprechen können. Unter diesem Druck standen die Söhne des Gastwirts nicht, und doch werden sie mit den Pfarrerstöchtern in einem Atemzug genannt. Und ganz gewiss hat niemand vom Müller angenommen, dass er die besten Kühe im Dorf hätte.

Es war vielmehr so, dass der Müller nicht von der Viehzucht lebte, er hatte zwar wie Pfarrer und Lehrer ein bisschen Landwirtschaft, aber sein Hauptberuf war das Mahlen. Er hatte Getreide und Mehl im Überfluss, aber nicht für den Eigenbedarf. Er arbeitete für andere Leute, und wenn er schlecht verdiente, hatte er zwar Mehl, aber kein Brot. Und sein Vieh wurde nicht besser ernährt als das anderer Leute. So auch der Wirt: Er hat gutes Essen im Haus, aber für die Gäste, nicht für die Familie.

Der Pfarrer und der Lehrer hatten kein eigenes Feld und mussten - nach Meinung der Dorfbevölkerung - sich in Kirche und Schule ihr Geld verdienen, konnten also ihren Kindern nicht genug zu essen geben. Wie konnten sie dann "gedeihen"? Gedeihen bezieht sich auf die körperliche Entwicklung, geraten mehr auf das Ergebnis der Erziehung.

 

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Echo Online

 

Datum: 18.06.2013

Aktuell: 08.03.2019