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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Buxtehuder Bockshorn

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Lasst euch nicht ins Bockshorn jagen,[1] wenn euch jemand weismachen will, dass in Buxtehude die Hunde mit dem Schwanz bellen.[2]  

Die Köter kläffen dort wie überall auf der Welt vorne, nicht hinten. Man muss schon sehr einfältig sein, wenn man das Gegenteil für möglich hält.

Was steckt hinter den beiden Redensarten vom Bockshorn und von den Hunden?

Bockshorn kann sein das Horn eines Ziegenbocks oder Widders oder ein Pflanzenname. Bockshorn oder -thorn hieß in Niedersachen das Osterfeuer, dessen Holz zu einem kegelförmigen Horn zusammengestellt oder zu einem Thorn 'Turm' aufgestapelt wurde. Bocks hat man gedeutet als niederdeutsch Påsk 'Passa, Ostern'. Vielleicht war ja auch Bock im Sinne von 'Gestell' gemeint.
Ziegen- und Bockshörner wurden als Trichter benutzt,
[3] zum Beispiel um Wurst zu füllen[4]. Da die verwendete Masse zäh ist, muss man Druck ausüben, um sie durch die enge Spitze zu pressen. Das entspricht genau dem ältesten Sprachgebrauch im 16. Jahrhundert: "jemand in ein Bockshorn treiben, stoßen, zwingen", von Menschen gesagt: sie unter Druck setzen, zu etwas nötigen. Dazu passt auch der älteste Beleg um 1500: "nicht aus dem Bockshorn reden", ungezwungen reden. Heute verstehen wir diese Redensart aber anders: jemand einschüchtern oder durch abstruse Behauptungen verwirren, wie dass manche Hunde hinten bellen.

Buxtehude, westlich von Hamburg, hieß 959 Buochstadon 'am Buchengestade', 1135 Buchstadihude mit der Erweiterung hude 'Ort wo man etwas hütet', zum Beispiel die dort gelagerten Waren.[5]

Von dieser Stadt mit ihrem komischen Namen erzählt man allerlei Merkwürdiges: Da habe der Igel den Hasen im Wettlauf besiegt,[6] ein wundertätiger Schmied die Manneskraft "gestählt",[7] dort wachse Wurst auf dem Kohlstrunk[8] und bellten die Hunde mit dem Schwanz.

Buxtehude ist nicht der einzige Ort, wo die Hunde diese abartige Gewohnheit haben. Das sagte man mindestens sieben kleinen Orten in Ostpreußen nach, die kaum außerhalb des Landes bekannt waren, ferner zwei weiteren in Brandenburg. Der Spruch spottet also über diese abgelegenen Dörfer, so wie man bei uns behauptet: "Da sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht", dort würden "nachts die Bürgersteige hochgeklappt" oder man nenne dort den Nebel "Nabel".
Buxtehude und die ostdeutschen Dörfer gibt oder gab es wirklich. Anders bei einer niederländischen Redensart, nach der "die Hunde in Bommelskonten ('Teufelsgesäß') mit dem Hinterausgang bellen." Der Ort liege "drei Stunden oberhalb der Hölle", also unter der Erde.
[9] Ähnlich lokalisierte der Darmstädter Mundartdichter Robert Schneider "ärchend e Kaff ..., drei Dag hinner Fui Deiwel".[10] Diese Verortung ist also eine Redensart für sich.

 

[8] Lutz Röhrich,  Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten 1,287

 

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Echo Online

 

Datum: 25.06.2013

Aktuell: 09.02.2019