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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Igelin und Fischerin

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Frau Igel und ihr Ehemann sind ein perfektes Paar. Sie haben oben Stacheln an und auf dem Bauch ist Haar. Sie täppeln zwar auf kurzem Bein nur langsam durch die Welt und haben trotzdem, nur zum Schein, zum Wettlauf sich gestellt dem Hasen, der viel schneller wetzt, als es ein Igel kann. Und doch hat ihn zu Tod gehetzt Frau Igel und ihr Mann.[1]

Nicht nur viele Hunde, sondern auch zwei Igel können also des Hasen Tod sein. Ihre Stärke war ihre gute Zusammenarbeit, gegen die der Einzelkämpfer Hase nicht ankam.

Ganz anders der Fischer und seine Frau[2], die sich nicht damit zufrieden gab, aus dem ekligen Pisspott in ein anständiges Haus umgezogen zu sein, sie wollte mehr und immer mehr, bis beide wieder da landeten, wo sie hergekommen waren: in der Gosse.

Die Geschichte vom Igel ist kein Märchen, sondern eine Fabel mit einer Lehre am Schluss: "Verachte nicht den kleinen Mann und heirate eine Frau aus deinem Stand." Der Fischer verachtete zwar niemand und hatte standesgemäß geheiratet. Trotzdem passten die beiden nicht zusammen, denn sie hatte zu viel Ehrgeiz und er keinen Mumm.

Beide Geschichten sind auf Plattdeutsch überliefert. Die vom Hasen wurde im Dörfchen Bexhövede bei Bremerhaven[3] erzählt und später in das größere und bekanntere Buxtehude verlegt.[4] Die vom Fischer stammt aus Vorpommern.[5]

Das Stacheltier heißt in ganz Norddeutschland Swinegel 'Schweinigel'. Die Zusammensetzung wurde nötig, weil man sonst den Stacheligel nicht vom Blutegel unterscheiden könnte. Die heißen dort beide Egel.[6]

Der Fischer ruft den Wunderfisch herbei mit den Worten: "Mandje! Mandje! Timpe Te! Buttje! Buttje in de See! Mine Fru, de Ilsebill, Will nich so, as ick wol will." Der Anfang klingt wie ein Zauberspruch, ist aber friesisch und die ursprüngliche Reihenfolge war anders: Der Fischer ruft den Fisch herbei: "Buttje in de See", Plattfischchen im See! - Der Fisch antwortet: "Mandje,  Timpetje", Männchen, Zipfelchen! Diese Ordnung haben die hochdeutschen Fassungen. Der zweite Teil ist plattdeutsch: "Meine Frau Elisabeth Sibylle[7] will nicht so, wie ich gern will"[8]. Im Hauptteil des Märchens wird der Name nicht genannt, er ist also wegen des Reims eingefügt.

Nichts mit dieser Ilsebill zu tun hat der Spottvers: "Ilse-Bilse, keiner willse, kam der Koch und nahm sie doch." Der Reim stammt aus einem Märchen von Johann Karl August Musäus (1782-86): "Vollbrechts Ilse (ein gefürchtetes Lästermaul), Niemand will se, Die böse Hülse: Da kam der Koch, Peter Bloch (ein Taugenichts), Und nahm sie doch."[9]

Die Moral der Fischergeschichte ergibt sich von selbst: eine Warnung vor übersteigertem Ehrgeiz und maßlosen Ansprüchen, denn "wer zu hoch klettert, fällt tief".

 

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Datum: 02.07.2013

Aktuell: 16.02.2018