Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Der Dreikäsehoch

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Der Jüngste ist ein kleiner Mann, nur einen Daumen groß. Man sagt, dass er kaum sprechen kann und doch hat er was los. Er und sechs Brüder sind zur Nacht in einem Haus im Tann. Die Frau hat sie zu Bett gebracht. Ein Ekel ist ihr Mann, ein Unmensch, der als Kannibal die Kinder schlachten will. Sie laufen weg von diesem Mahl und halten ihm nicht still. Mit Siebenmeilenstiefeln rennt der Alte los und flitzt. Doch als er einmal eingepennt, hat Däumling ganz gewitzt, bevor der Unhold sie geschaut, die Stiefel ihm geklaut.[1]

"Der Kleine Däumling" von Charles Perrault (1697)[2] hat Ähnlichkeiten mit dem jüngeren Märchen der Brüder Grimm von "Hänsel und Gretel" (1815)[3]: Geschwister müssen viel zu früh ihr Elternhaus verlassen und fallen in die Hände eines Unmenschen, können sich aber befreien. Bei Grimm ist's eine alleinstehende Hexe, bei Perrault ein Oger 'Menschenfresser'.[4] Seine Frau ist freundlich und warnt die Kinder.

Der pfiffige Dreikäsehoch heißt auf Französisch poucet 'das Däumchen', Verkleinerung von pouce 'Daumen' (aus lateinisch pollex).[5] Dem entspricht deutsch Daumesdick, nach Grimm ein Siebenmonatskind, daher klein. Es fällt Spitzbuben in die Hände, wird versehentlich von einer Kuh und einem Wolf gefressen, aber kommt schließlich doch wieder heil nach Hause.[6] In Bechsteins Nacherzählung des französischen Märchens heißt der Knirps Däumling.[7] Andersen hat in Däumelinchen das weibliche Gegenstück geschaffen.[8]
Däum(er)ling kann sein ein daumenähnlicher Stift, ein Daumenschutz und ein kleines Wesen (Knirps, Kobold, Zaunkönig).[9] Däumling, Däumlich ist heute ein Familienname. Man muss nicht an einen Menschen denken, der nie die normale Größe erreicht. Es geht vielmehr um die Stellung in der Familie: Der Jüngste ist immer der Kleinste.[10]

Einen kleinen, vorwitzigen Jungen nennen wir Dreikäsehoch. Der Ausdruck ist seit dem 18. Jahrhundert überliefert. In Bremen sagte man 1767 "een Junge, twe Kese hoog".[11]

"Siebenmeilenstiefel" wurde wohl von Perrault geprägt: Man geht mit einem Schritt 30 km und kommt so in einer Stunde weiter als bis zum Mond.[12] Magische Schuhe kannte aber schon die Antike, wie die Flügelsandalen des Götterboten Hermes.[13]
In anderen Märchen geht's noch schneller: "Der Trommler" fliegt mit einem Zaubersattel auf den unbesteigbaren Glasberg. Denn "wer darauf sitzt und wünscht sich irgendwohin, und wärs am Ende der Welt, der ist im Augenblick angelangt, wie er den Wunsch ausgesprochen hat."[14] Da muss man nicht nur Entfernungen überwinden, sondern auch die Zeit. Das ist in einer materiellen Welt nicht möglich, wohl aber beim Flug unsrer Gedanken, wenn wir zum Beispiel eine Reise planen oder Sehnsucht haben.

 

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online | Jahresthema Märchen

Sprachecke 23.02.2010 | 2013: 05.02 | 05.03. | 02.04. | 30.04. | 04.06. | 02.07.03.09

Spracheckenthema "Zauber und Wunder" 13.08.2013

 

Datum: 06.08.2013

Aktuell: 09.02.2019