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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Handel und Wandel

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Was wir heute "Wirtschaft und Verkehr" nennen, bezeichneten die Alten mit der Zwillingsformel "Handel und Wandel".

Zwillingsformeln sind feste Wortpaare, die "kurz und bündig Ross und Reiter benennen, ohne ein Langes und ein Breites zu machen".[1]

Die Griechen hatten einen Gott, der für beides zuständig war, den Götterboten Hermes[2]. Sein Name ist verwandt mit lateinisch sermo 'Rede'[3]. Botschaften übermitteln konnte er nur, wenn er sich auf seine geflügelten Socken machte und dem Empfänger sagte, was zu sagen war. Daher gehörten zu seinem Resort auch die Wege, auf denen die Boten gingen und auf denen die Händler ihre Waren transportierten.

Sein römischer Kollege Mercurius hatte sich auf den Schutz des Warenverkehrs beschränkt. Sein Name kommt von lateinisch mercâri 'handeln' und mercâtus 'Handel', verwandt mit mércês 'Lohn' und merêre 'verdienen'.[4]

Von mercâtus kommt unser Markt, im deutschen Sinn 'Platz vorm Rathaus mit dem Griesheimer Gemüsestand' und im lateinischen Sinn 'Handel'.[5] Das Wort Markt stammt von den Römern, aber es ist kaum wahrscheinlich, dass die Germanen vor den Römern keinen Handel kannten. Denn schon in der Bronzezeit gab es über die Bernsteinstraße einen lebhaften Warenaustausch. Germanische Währung war der Baug 'Ring'. Als Kleingeld nahm man "Brösel" (altnordisch bauga-brot) davon. Baug kommt von biegen, dazu gehört auch bugjan 'kaufen und mit Ringen zahlen', englisch buy 'kaufen'. Das Wort fehlt im Deutschen. Unsre Vorfahren zahlten ja schon mit Münzen.[6]

Auch unser kaufen stammt von den Römern: Caupo oder côpo war der 'Gastwirt'. Er hatte côpiae 'Vorräte' von Wein und Lebensmitteln, die er auch über die Straße verkaufte. Diese Wörter sind verschliffen aus co-ops 'zusammengetragener Vorrat' (con- 'mit, zusammen', ops 'Reichtum').[7]
Die Germanen lernten den Caupo als Inhaber eines Kaufladens kennen und übernahmen das Wort als althochdeutsch koufo 'Krämer'. Davon haben sie neue Wörter abgeleitet wie kaufen und Kauf.
[8] Was im Althochdeutschen koufunga 'Handel' war, wurde im Altnordischen kaupangr 'Handelsplatz, Stadt'. Die Finnen lernten ihr kaupunki 'Stadt' durch die Schweden kennen.

Wenn die Germanen aber schon vor den Römern handeln konnten, wozu brauchten sie dann das Fremdwort? Weil der Caupo seine Waren nicht als Hausierer vertrieb oder auf dem Markt feilhielt, sondern weil er einen eigenen Laden hatte, nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land, für die Reisenden, ein Rasthaus, in dem man einkehren und einkaufen konnte. Das war neu.

Die reichen Römer rümpften die Nase über den Caupo-Wirt und seine Gäste aus der Unterschicht. Aber Merkur war ihm hold. So wurde "Wirtschaft" zum Inbegriff für Handel und Wandel.[9]

 

 

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Echo Online

Begriffe: Kaufleute | Sprachecke 12.12.2006 | 17.09.2013

 

Datum: 24.09.2013

Aktuell: 09.02.2019