Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Saftiger Humor

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Warum staubt trockene Erde, aber trockener Wein nicht? Wieso kann jemand mit feuchter Aussprache einen trockenen Vortrag halten?

Trocken ist das Gegenteil von nass und feucht.[1] Das Wort überschneidet sich mir dürr 'innerlich ausgetrocknet, verschrumpelt, abgestorben, mager'. Wenn man die Wäsche auf die Leine hängt, trocknet sie. Wenn eine Pflanze nicht genügend Wasser bekommt, verdorrt sie. Auch manche Menschen scheinen ausgedörrt zu sein, fallen vom Fleisch, magern ab und werden rappeldürr wie trockne Erbsen und Bohnen in ihren Schoten. Alte Menschen, die zu wenig trinken, sind in Gefahr zu dehydrieren, auszutrocknen. Normalerweise meldet sich der Durst und zwingt uns zu trinken. Durst, dürr und verdorren gehören zusammen. Das ursprüngliche rs ist nur vor t (in Durst) erhalten, sonst zu rr verschmolzen.[2]

Dehydrierte Menschen werden apathisch und ohnmächtig. Genauso apathisch wirkt ein trockener Vortrag, der mit eintöniger Stimme Fakten aneinander reiht, wie wenn man aus dem Telefonbuch vorlesen würde. Es wäre aber auch nicht interessanter, sondern nur lächerlich, wenn man das Telefonbuch mit Pathos rezitieren würde, wildem Gestikulieren und dramatischem Auf und Ab der Stimme. Es liegt nicht bloß am Vortrag, sondern am überaus trockenen Stoff, ohne Saft und Kraft. Den müsste man mit überleitenden Worten "wässern" und mit Humor "würzen", um die Zuhörer nicht zu langweilen.

Humor, die Gabe über Widrigkeiten zu spotten, kommt von lateinisch ûmor 'Feuchtigkeit'.[3] Gemeint waren zunächst die Körpersäfte, denen man unsre Temperamente, Stimmungen und Launen zuschrieb, dann die Neigung Witze zu machen.[4] Trockener Humor ist, wenn man mit todernster Miene etwas Lustiges sagt.

Im Unterschied zu dürr gebrauchen wir trocken gern in Zusammenhängen, die mit dem Feuchtigkeitsgehalt nichts zu tun haben. Altes Brot trocknet aus und wird steinhart, ist aber noch genießbar, wenn man es einweicht oder lutscht. Unter Trockenbrot verstehen wir was Anderes: Brot ohne Aufstrich oder Belag. Trocken  kann also auch bedeuten 'ohne Zutaten'. So ist es auch mit dem trockenen Wein, der wenig unvergorenen oder künstlich zugesetzten Zucker enthält.[5] Im Mittelniederländischen waren droghe bene 'trockene Knochen', ohne Haut, Fleisch und Fett.[6] Wir denken bei knochentrocken eher an ausgedörrte Gerippe in der Wüste und gebrauchen knochen- nur als Verstärkung des Grundwortes trocken, dann auch im Sinn von 'langweilig, dröge' (plattdeutsche Form von trocken). Hessisch brottrocken wird vom Erdboden gesagt.[7] Lehm wird dann steinhart, wie das Brot. Sandige und kalkhaltige Erde dagegen wird staubtrocken und vom Wind weggeblasen.

 

[3] Das h deutete in mittelalterlichen Texten an, dass der Anfangsvokal ohne Stimmabsatz gesprochen wurde (wie bei deutsch in es, das zu in's verschmolzen wurde).

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

 

Datum: 29.10.2013

Aktuell: 09.02.2019