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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Straße von Emden

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Leserbrief Neukircher, Gumper

Leserbrief Münchner

 

Zur schönsten Straße Deutschlands wurde 2013 die Emdener Straße in Berlin gekürt. Das hat die Gemüter heftig erhitzt.

Nicht weil viele eine andere Straße schöner fanden, sondern weil nach ihrem Sprachgefühl Emder richtig wäre. Die Ostfriesen fühlen sich sogar in ihrem Nationalstolz verletzt.[1] Denn in Emden sagt man Emder und in Bremen und Aurich gibt es eine Emder Straße. Müssen jetzt die Berliner ihre Straßenschilder ändern?
Zunächst einmal: Die Straße in Berlin ist keine Kopie der ostfriesischen, sondern zu Ehren der Stadt Emden benannt. In solchen Fällen richtet man sich nach dem eigenen Sprachgefühl und nicht nach dem des Ursprungsortes.
Adjektive aus Ortsnamen werden mit -er gebildet, also Darmstädter, Mainzer, Hamburger. Wenn der Name mit -en endet, wird in unsrer Gegend diese Endung durch -er ersetzt: Georgenhausen - Georgenhäuser, Erfelden - Erfelder. Da die Grundwörter Haus und Feld lauten, müsste auch für Fremde zu erkennen sein, dass -en eine Endung ist. Anders ist es bei Kempten[2], München[3] und Emden[4] und erst recht bei Berlin[5] und Stettin,[6] da kann man nicht ahnen, ob es sich um Endungen oder um Teile des Namens handelt. Daher hängt man -er an den ganzen Namen.[7]
Ferner ist zu bedenken, dass die einzelnen Gegenden unterschiedliche Spracheigentümlichkeiten haben. Denn Westdeutschland ist seit römischer Zeit von germanischen Stämmen bewohnt, aus deren Dialekten über Jahrhunderte die deutsche Sprache zusammengewachsen ist. Sie lässt sich nicht durch obrigkeitliche Verordnung vereinheitlichen. Wenn Duden Emder und Emdener gelten lässt, so trägt er dabei dem unterschiedlichen regionalen Sprachgebrauch Rechnung. Straßenschilder auswechseln, weil der Name nicht richtig geschrieben oder falsch formuliert ist, verschwendet Steuergelder.

Straßen gab es schon zur Römerzeit in Deutschland. Manche wie die Bergstraße werden noch heute benutzt. Sie hieß 1002 in einer lateinischen Urkunde montâna platêa 'Bergstraße'. Eine ältere Quelle erwähnt die strâta pûblica 'öffentliche Straße' zwischen Heidelberg und Zwingenberg, ohne Namen.[8]

Andere alte Straßen sind verschwunden und nur aus der Literatur oder durch Funde bekannt. Manchmal hat man auch versucht aus Straßennamen Schlüsse zu ziehen, zum Beispiel bei Hutzelstraße. Das ist Teil von Flurnamen im nordöstlichen Odenwald. War das eine römische Straße, die mit Hurzel 'Schotter' befestigt war? Oder ein Fernhandelsweg für Hutzel 'Dörrobst'? Oder eine Allee mit Hutzelbirnbäumen? Gegen eine Fernverbindung spricht die breite Streuung dieser Namen, daraus lässt sich keine Route rekonstruieren. Es handelte sich doch eher um Nebenstraßen mit "verhutzelter" Oberfläche voller Unebenheiten.[9]

 

   

 

Leserbrief Neukircher, Gumper:

Wie steht es mit nachfolgenden einheimischen Namen? Im Dialekt heißt es eindeutig "Naikäjsche Häi", also Neunkircher Höhe und "Gimper Kreiz", also Gümper bzw. Gumper Kreuz. Auf den meisten Landkarten steht jedoch "Neunkirchener Höhe" und "Gumpener Kreuz".

Meine Antwort:

Bei der Höhe muss ich mir selbst immer wieder überlegen, wie der Berg heißt, weil mir genauso geläufig ist der "Neukirchner Kalender" aus dem Rheinland. Man kann einen Ort mit einem kürzlich errichteten Gotteshaus nennen "Neukirchen, Neuenkirchen, Neunkirchen" und entsprechende Ableitungen mit und ohne -en-. Das macht die Konfusion perfekt. Richtig ist bei uns natürlich Neunkircher.

Das Kreuz kenne ich nur aus "Erfahrung" und vom Lesen, nicht vom Hören, auch da wäre Gumper die richtige Form. Den Umlaut kann man als Ortsfremder nicht ahnen.

 

Leserbrief Münchner:

Das kann man offenbar tatsächlich so oder so sehen. Es gibt die Stadt Bingen am Rhein, und in den umliegenden Orten gibt es dann die Binger Straße, also nicht die Bingener Straße. Allerdings: bei München ist das schon wieder anders: da heißt es dann Münchner Straße oder Münchener Straße…

Meine Antwort:

Für München wusste ich keine Erklärung, aber jetzt ist mit eine eingefallen: München heißt eigentlich "bei den Mönchen". Wenn man "Müncher" sagen würde, könnte man das auf die Klosterbrüder beziehen, daher wohl Münch(e)ner.

Dazu fiel mir eine Straße in Gernsheim ein, die nach Maria Einsiedel führt. Auf dem Straßenschild steht  "Einsiedlerstraße", das ist streng genommen eine Straße, die nach einem Einsiedler genannt ist, so wie die Königsallee an einen König erinnert und Mönchbruch an Mönche, die den Sumpf urbar gemacht hatten. Die Straße in Gernsheim hat aber ihren Namen von dem Stadtteil und müsste deshalb "Einsiedler Straße" geschrieben werden. 

Ein anderes Thema ist Münchner / Münchener. Die Bayern und Hessen lassen sich an ihren Dialekten leicht unterscheiden: Wir Hessen verschlucken in der Endsilbe das n, die Bayern das e: mache / machn.  München ist also nicht "Münche", sondern "Münchn", also auch "der Münchner im Himmel".

   

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Datum:

Aktuell: 02.03.2019