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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Traumatische Träume

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Neulich träumte ich von glücklichen Zeiten. Es war wie im Paradies, mit Sonnenschein und Kinderlärm. Frohgemut wachte ich auf.

Nicht alle Träume sind so schön. Viele sind belanglos, krauses Zeug, das uns durch den Kopf geht. Oder das Gefühl der Ohnmacht: wir sind wie gelähmt, kommen nicht voran, werden nicht fertig - und sind auch gelähmt, denn im Schlaf sollen wir ja brav im Bett bleiben und nicht herumspazieren.[1] Am schlimmsten sind die Albträume: Herzklopfen, Schweißausbruch, Angst, Erinnerung an vergangene Schrecken und Traumen.[2]

Ein Trauma ist eine körperliche oder seelische Verletzung[3], ein medizinischer[4] und psychologischer[5] Fachausdruck, der auch Laien bekannt ist. Er kommt aus dem Griechischen und hat dort die Mehrzahl traúmata, ähnlich wie drâma 'Handlung, Schauspiel', Mehrzahl drámata[6]. Das t fällt am Wortende aus, steht aber auch bei den Adjektiven traumatisch, dramatisch.[7] Im Deutschen sind wir uns nicht einig über die Mehrzahl: Drama / Dramen - próblema, Problem / Probleme,[8] Trauma / Traumata und Traumen.

Traum dagegen ist ein deutsches Wort, verschliffen aus germanisch draugmas 'Trugbild' zu trügen. Das altnordische draugr 'Gespenst' markiert den Übergang von 'Täuschung' zu 'Erscheinung, Vision, Traum' und 'unwirkliche Gestalt'.[9]

Schlechten Schlaf und Albträume schrieb man einem Dämon zu, dem Alb (Mehrzahl Elben), der uns im Schlaf quält,[10] nicht bloß seelisch, sondern auch körperlich: Man wacht nachts auf und spürt eine zentnerschwere Last auf der Brust - vielleicht ein Alb, vielleicht auch bloß eine zu schwere Bettdecke, zu viel gegessen, zu viel Kaffee, oder Schlimmeres: Atemstillstand[11], Herzinfarkt[12], wer weiß?

Ein anderer Name dieses Quälgeistes ist Mahr. Der setzt sich nicht bloß still hin, sondern trampelt auch auf dem Schläfer herum oder reitet auf ihm wie auf einem Pferd. Hier hat man den Gespensternamen mit Mähre 'Stute' vermengt.
Mahr hat aber mit dem Tier nichts zu tun, sondern kommt von indogermanisch móros 'Tod'. Môra 'die Tötende' ergab sorbisch Mara 'Todesgöttin'. Auch Mahr war ursprünglich weiblich (mittelhochdeutsch mare) und bezeichnete eine Todesdämonin, die dem Sterbenden das Herz abdrückt.
[13]

Andersens Märchen "Die Nachtigall" macht das anschaulich: Da sitzt schon der leibhaftige Tod dem chinesischen Kaiser auf der Brust, wird aber durch den Gesang der Nachtigall gerührt und verlässt sein Opfer.[14]

Am Anfang war also der nächtliche Quälgeist. Das Werk des Albs nannte man seit dem 18. Jahrhundert Albdrücken, seit dem 19. Albtraum, während Nachtmahr anfangs das Gespenst, später die Beklemmung bezeichnete.

 

[7] -ma(t) ist die indogermanische Anfügung -mn̥tom, auch bei Leu-mund

 

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Aktuell: 09.02.2019