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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Der Liebe Lust und Leid

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Nicht nur die Eifersucht, auch Liebe und Hass sind Leidenschaften, starke Gefühle, die in uns kochen.

Ungezügelter Hass tut alles, um dem Gehassten zu schaden und Leid zuzufügen, von kleinen Gehässigkeiten bis hin zu Krieg und Völkermord. Auch ein Übermaß an Liebe kann schädlich sein. Erec, ein Ritter von der Tafelrunde, kam mit seiner jungen Frau nicht mehr aus dem Bett und versäumte seine Pflichten.[1] Elterliche Liebe kann verhindern, dass ein junger Mensch selbständig wird, und zu hässlichen Auseinandersetzungen führen, die das Gegenteil von Liebe sind. Und manche "große Liebe" wurde bitter enttäuscht. Die alten Philosophen lobten die Seelenruhe, die weder von Liebe noch Leid erschüttert werden kann.[2] Ist Liebe vermeiden besser?

Liebe[3] und Leid[4] gehören zusammen. Wer jemand "gut leiden kann", erträgt dessen Nähe, genießt sie sogar, stört sich nicht an seinen Eigenarten, leidet mit ihm, wenn's ihm schlecht geht, und sehnt sich nach ihm, wenn er nicht da ist. Umgekehrt sagen wir für 'hassen' auch "nicht leiden können".

Die wir lieben, sind unsre Freunde, und die wir hassen, unsre Feinde. Nein! Freund und Feind bedeuten 'liebend, hassend' (aktives Partizip auf -nd, nicht passiv 'geliebt, gehasst').

Freund, würde dieses Wort heute gebildet, würde Freiend heißen, das u gehörte zur Endung. Das altmodische Freien kennen wir als 'Brautwerbung', die heutigen Freier machen sich's einfacher und zahlen für ein kurzes Vergnügen. Das germanische frîjon hatte eine weitere Bedeutung: 'lieben' und 'befreien'. Frîjonds war nicht nur der 'Freund', sondern auch der 'Verwandte'. Frei war nicht 'ungebunden', sondern 'geliebt, geachtet, mit Rechten ausgestattet', gebunden an Menschen, die ihm das alles zugestanden. Der Freund ist einer, der mich nicht vereinnahmt und wie einen Sklaven behandelt, sondern als vollwertigen Menschen.[5]

Der Feind tut so etwas nicht, er liebt nicht, sondern hasst. Das zugehörige Verb, germanisch fijan 'böse sein, hassen' kam aus dem Schatten des Konkurrenzwortes hassen nicht heraus. Nur das Partizip fijands 'Feind' war aggressiv genug sich zu behaupten.[6]

Germanisch hatis 'Hass' war immer das, was wir heute drunter verstehen, eine 'heftige Abneigung'. Die griechischen und keltischen Verwandten dieses Wortes weisen in eine andere Richtung: Mittelirisch cais war 'Hass' und 'Liebe' zugleich. Wie das? Weil die Grundbedeutung 'Kummer, Leiden' war, auch die Sorgen, die man sich um Angehörige macht und die Trauer nach ihrem Tod.[7] Nicht, weil auch der Hass eine Art Kummer ist, sondern weil das alteuropäische Grundwort hat-, kat-, kad- 'schlagen' bedeutet: der eine hasst und schlägt, der andere ist mit Gram geschlagen und leidet.[8]

 

 

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Begriffe lieben | hassen

 

Datum: 25.03.2014

Aktuell: 16.02.2018