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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Was die Mode geteilt

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Nach Schiller verbindet die Freude wieder, "was die Mode streng geteilt" und macht alle Menschen zu Brüdern.

In der Fassung von 1785 dichtete Schiller in der "Ode an die Freude" anders, als wir's heute kennen: "Deine Zauber binden wieder, Was der Mode Schwert geteilt, Bettler werden Fürstenbrüder, Wo dein sanfter Flügel weilt."[1] Da geht es nicht um den neusten Trend, wie man sich anzieht, sondern um Standesunterschiede, die sich noch heute in der Kleidung bemerkbar machen: Auch der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin, der Baulöwe und die Direktorin haben bürgerliche Kleidung an und arme Leute müssen nicht in Lumpen herumlaufen. Aber der Kenner bemerkt den Qualitätsunterschied.

Früher trug man traditionelle Sachen, bei denen die sozialen Unterschiede deutlich zu erkennen waren, die Tracht 'was man trägt'.[2] Was wir heute unterTracht verstehen, ist die überlieferte Kleidung einer Gegend, teils Mode vergangener Jahrhunderte wie der Dreispitz[3] oder die Haube[4], teils Kennzeichen des Standes: Im Schwarzwälder Gutachtal trugen verheiratete Frauen Hüte mit schwarzen, unverheiratete mit roten "Bollen".[5] Diese Volkstrachten waren nicht zeitlos, sondern der Mode unterworfen: Im 18. Jahrhundert hatten die Männer an der Bergstraße grüne Röcke an, im 19. Jahrhundert blaue.[6]

Tracht nennen wir auch die Standeskleidung der katholischen Nonnen (mit Schleier) und der evangelischen Diakonissen (mit Häubchen). Die Mönche tragen keine Tracht, sondern eine Kutte, eigentlich 'Mantel', verwandt mit englisch coat 'Mantel', ein alteuropäisches Wort. Die germanische Entsprechung steckt in althochdeutsch hadara 'Lappen, Tuch'. Das heutige Hader bezeichnet das, was von diesem alten Gewebe noch übrig ist: einen 'Lumpen'. Bei den Samojeden in Nordsibirien steht kâter in höheren Ehren als 'feines Tuch'.[7]

Heute entscheiden nicht Sitte und Tradition, sondern Vorlieben und Geldbeutel, was wir tragen, und oft genug der Zeitgeschmack, die Mode, ein Wort aus dem Französischen, wo la mode schon um 1400 die Art sich zu kleiden bezeichnete. Es kommt nicht von lateinisch modus (männlich) 'Art und Weise', sondern ist wohl rückgebildet aus manière moderne 'die aktuelle Art', über lateinisch modernus 'aktuell' vom Adverb modo 'soeben'.[8]

Bei la mode ging es mehr um die Frage, ob die Frau das Kleid in Brusthöhe oder um die Taille gürtete und ob der Mann ein Halstuch trug oder nicht, nicht um Details wie Schnitt, Muster und Farbe. Dafür gab es das Wort façon 'Machart', im 15. Jahrhundert als Fasson 'die normale Form' (also gar nicht modern) ins Deutsche übernommen und in der englischen Variante fashion heute der topaktuellste und allermodernste Ausdruck für 'Mode'.[9]

 

[6] Heinrich Sehnert, Sou woarsch ba uns dehaom (1982) 133

[8] Kreuzdenker, Etymologie: Mode | kaum von à la mode 'nach der Mode', das erst im 17. Jahrhundert bezeugt ist. (Wolfgang Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen 882)

 

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Echo Online

Begriffe Kleider | Sprachecke 27.02.2007 | 14.02.2012 | 01.04.2014

 

Datum: 09.04.2014

Aktuell: 09.02.2019