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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Via dolorosa

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die siebenwöchige Passionszeit erinnert an das Leiden Christi und gipfelt am Karfreitag im Gedenken an die Kreuzigung Jesu.

Buddha kam in seiner entscheidenden Meditation zur Erkenntnis: "Alles Leben ist Leiden" und lehrte einen Weg, wie man durch rechte Erkenntnis und rechtes Tun aus dem Teufelskreis des Leidens und der Wiedergeburten die Erlösung findet: nicht in diesem Leben und auch nicht in einer neuen Existenz nach dem Tod, sondern im Verschmelzen mit dem Absoluten.[1] Ähnlich versprach Jesus eine Erlösung nach dem Tod im Himmel bei Gott und predigte, dass seine Nachfolger "das Kreuz auf sich nehmen"[2] sollten und sich dem Leiden stellen statt ihm aus dem Weg zu gehen. Buddha und Jesus haben das Leben realistisch gesehen und ihren Jüngern keine Illusionen von einem Recht auf Glück gemacht. Und beide betonten die grenzenlose Liebe, die allein fähig ist, Leiden zu ertragen ohne neues Leid zu verursachen.

In Jerusalem trägt eine Straße den lateinischen Namen Via Dolorosa 'Schmerzensstraße'[3], der Leidensweg, auf dem Jesus nach seiner Gefangennahme "Von Pontius bis Pilatus"[4] , von Behörde zu Behörde und schließlich zum Kreuz geführt wurde. Das Bild vom Leidensweg ist tief in unsrer Sprache verankert, denn leiden ist verwandt mit leiten 'führen'. Germanisch laidho war der 'Weg', laidhjan 'auf einem Weg führen', auch 'zu Grabe tragen', lîthan 'sich bewegen', auch 'den Leidensweg gehen, leiden'.[5] Leid, germanisch leidha(m) 'Unangenehmes' kann wegen der abweichenden Grundbedeutung nicht mit leiden verwandt sein.[6]

Auch das lateinische pati 'leiden' (daher Patient 'Kranker' und Passion 'Leiden') und griechische páthos 'Leid' (daher Pathologie 'Lehre von den Krankheiten') sind nicht verwandt. Pati, eigentlich 'geschädigt sein', kommt von peitós 'beschädigt',[7] páthos von quenthós 'verletzt'.[8]

Im christlichen Sprachgebrauch werden "Kreuz und Leid" im selben Atemzug genannt. Das Kreuz, lateinisch crûx, bestand aus zwei Balken: Pfahl (stips) und Querbalken (patíbulum). Daran wurden rechtlose Menschen mit Nägeln befestigt und starben einen qualvollen Tod.[9] Die Römer verbanden mit crûx nicht die Vorstellung von sich überschneidenden Linien, sondern von 'Qual, Marter'.[10]

Marter wird heute verstanden als Quälerei'. Das griechische Grundwort martýrion bedeutete eigentlich 'Aussage vor Gericht, Zeugnis'. Wer bei einer Christenverfolgung zugab Christ zu sein, galt erst mal als Bekenner, und wenn er wegen seines Glaubens hingerichtet wurde, als Glaubenszeuge, griechisch mártys, Märtyrer.[11] Die christlichen Märtyrer waren keine Krieger, die im Kampf gegen Ungläubige fielen, sondern Verfolgte, die absichtlich auf Notlüge, Gewalt und Gegenwehr verzichteten.

 

[5] Kreuzdenker, Etymologie: *lyth- 'fortgehen' | Ähnlich: braten 'erhitzen' / Braten 'Stück Fleisch'

[8] mit qu-, das im Griechischen regelmäßig zu p- wurde, und verkürztem ‑en-: Kreuzdenker, Etymologie: Pathos

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Übersicht

 

Echo Online | Die Leidensgeschichte Jesu

Begriffe  Feiertage | Leid | Sprachecke 06.04.2004

 

Datum:

Aktuell: 09.02.2019