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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Gemarterte Zeugen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die frühen Christen lehnten Gewalt ab und ließen sich lieber im Zirkus abschlachten als Widerstand zu leisten.[1]

Sie galten als Staatsfeinde, weil sie Christus und nicht dem Kaiser die höchste Ehre gaben. 300 Jahre lang versuchten die Behörden, das Christentum durch blutige Verfolgungen auszurotten - und bewirkten damit das Gegenteil: Der neue Glaube breitete sich aus. Die öffentlichen Hinrichtungen trugen eher dazu bei, die standhaften Glaubenszeugen zu bewundern und diesen mörderischen Staat in Verruf zu bringen. "Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche."[2]

Märtyrer bedeutet eigentlich 'Zeuge'. Denn die Christen wurden nicht einfach ermordet, sondern erst mal vor Gericht gestellt. Dort hatten sie die Möglichkeit, ihrer Überzeugung abzuschwören und ihre eigensinnige Haltung aufzugeben. Manche wurden schwach und verleugneten, andere bekannten sich zu ihrem Glauben, hatten aber Glück und kamen mit dem Leben davon. Einige aber wurden zum Tod verurteilt. Ihre "Zeugenaussage" vor Gericht machte sie zu Märtyrern 'Glaubenszeugen' und brachte ihnen das Martyrium, einen qualvollen Tod (deutsch Marter) ein.

Das deutsche Zeuge ist abgeleitet von Zeug, Sonderbedeutung 'Beweismittel',[3] das griechische mártys von einem indogermanischen mertús 'Erinnerung' (mer- wie in lateinisch me-moria 'Gedächtnis') - durch die Akzentverlagerung wurde aus dem abstrakten Begriff eine Personenbezeichnung.[4] Das griechische Wort kann heute noch den Zeugen vor Gericht bezeichnen, hat aber die christliche Nebenbedeutung 'Märtyrer'.

Die ersten Christen sprachen aramäisch, griechisch oder beides. Die christlichen Begriffe in beiden Sprachen sind also gleichzeitig miteinander entstanden, so auch aramäisch sâhîd und griechisch mártys '1. Gerichtszeuge, 2. Märtyrer'. Die aramäischen Wörter für 'bezeugen, Zeuge, Zeugnis' wurden als Verwaltungsbegriffe ins Arabische übernommen, und mit ihnen auch schahîd 'Märtyrer'.[5]

Mohammed war in seiner Heimatstadt Mekka nicht anerkannt worden und musste nach Medina umsiedeln. Dort konnte er viele für den neuen Glauben gewinnen und rief zu einem Feldzug gegen die widerspenstigen Ungläubigen auf. Seine Leute aber hatten keine Lust und fragten: "Was haben wir davon, dass wir unsre Arbeit liegen lassen und in diesem Krieg fallen?" Mohammed konnte sie motivieren mit der Aussicht, dass alle, die mitkämpfen, im Paradies entschädigt würden: "eine Verheißung, bindend für Ihn, in der Thora und im Evangelium und im Koran."[6] Der Märtyrerbegriff ist im Islam teilweise sehr weit gefasst, dazu können auch Menschen gehören, die "durch Gottes Hand" bei einem Unglück sterben, oder bei der Verteidigung ihres Eigentums.[7]

 

[2] Christenverfolgungen im Römischen Reich – Wikipedia | Nach Tertullian, Apologeticus 50,12 f; eigentlich "Der Same ist das Blut der Christen"

[5] mit der üblichen Vertauschung von s und sch im Arabischen: Kreuzdenker, Etymologie: Schibboleth | schahid

[6] Koran Sure 9,111. Mohammed denkt wohl an Stellen wie Matthäus 19,27-29, wo Jesus denen himmlischen Lohn verspricht, die alles aufgaben um ihm zu folgen.

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Echo Online

 

Datum:

Aktuell: 09.02.2019