Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Wurscht-egal

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

In "wurscht-egal" sind zwei Ausdrücke zusammengeflossen, die sich weit von ihrer ursprünglichen Bedeutung entfernt haben.

Wurst, mundartlich Wurscht, ist eine Fleischspeise, egal bedeutet 'gleich'. Beide Wörter werden auch im Sinn von 'uninteressant' gebraucht.

Es ist schwer zu verstehen, was der gefüllte Darm mit egal zu tun hat. Weil es gleichgültig ist, in welches Ende man beißt? Schon 1587 wusste ein Sprichwort: "Die Wurst hat zwei Zipfel".
"Das ist mir wurscht" ist erstmals 1822 überliefert, von einem zechenden Studenten, der an nichts anderes dachte als an Alkohol. 1853 taucht das Wort Wurschtigkeit auf. Wursticht war 1520 'rund und dick', das heutige wurstig bedeutet zusätzlich 'teilnahmslos'. Das erinnert an Hans Wurst 'Dickwanst', später 'Clown'. Sein Namensvetter Wurst Hans war für seinen Appetit berüchtigt: Menschen, die sich wie der Zecher von 1822 nur ums Essen und Trinken kümmerten. Das heutige wurscht scheint aus dem interesselosen wurstig verkürzt zu sein.
Beide Wörter sind Adjektive und werden deshalb kleingeschrieben. Mittelhochdeutsche Wörter mit rs werden heute mit rsch gesprochen (kirse, heute Kirsche). St sprechen die Süddeutschen an allen Stellen mit sch: "Do schtäiht en Kaschte mit Worscht", da steht ein Kasten mit Wurst. Im Hochdeutschen sprechen wir scht nur am Wortanfang und schreiben überall st. Bei Wörtern mit rst dachte man, das sei ein Fall von st, es ist aber einer von rs, daher sagt man weit über den "Kaschten"-Bereich hinaus "Wurscht".
[1]

Egal 'gleichgültig' kommt von französisch égal 'gleich, gleichmäßig, gleichgültig, gleichberechtigt'. Es wurde im 17. Jahrhundert in der allgemeinen Bedeutung 'gleich' ins Deutsche übernommen. Das heute vorherrschende 'gleichgültig' hat sich erst im letzten Jahrhundert durchgesetzt. Die Verstärkung wurscht-egal ist ganz jung.

Egal ist das lateinische aequalis 'gleich; gleichaltrig; gleichzeitig, Zeitgenosse', dies ist erweitert aus aequus 'eben; gleich; wohlwollend; gleichmütig; unparteiisch; gleichmäßig; unentschieden'.[2] Das indogermanische Grundwort ai- bedeutete 'sprechen, versprechen, einen Anteil zusprechen, gerecht verteilen'.[3]

Von aequus kommt Äquator, heute der 'Null-Breitengrad', im Mittelalter  'Himmelsäquator'. Im 15. Jahrhundert übersetzte man dieses Fremdwort mit 'Gleicher'. War damit irgendetwas erklärt? Wer die Sache nicht kennt, die gedachte Linie am Himmel und auf dem Globus, wird durch das deutsche Wort auch nicht schlauer.
Und was macht der Äquator gleich? Wenn die Sonne überm Äquator steht, sind Tag und Nacht gleich lang. Im alten Rom war aequator etwas anderes: ein Beamter, der die Münzen prüfte. Ob sie egal waren oder einige zu leicht, war nicht egal.
[4]

 

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

 

Datum: 27.05.2014

Aktuell: 09.02.2019