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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die traute Braut

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Der Bräutigam traute sich, die Braut auch. Sie sagten Ja zueinander, wurden getraut und sind seitdem ein trautes Paar.

"Ganz in weiß, mit einem Blumenstrauß"[1] ist die Braut nicht lange, der "Brautstand" endet mit der Hochzeitsnacht, dann sind die beiden Mann und Frau. Er begann früher mit der Verlobung, dem verbindlichen "Gelöbnis", miteinander die Ehe einzugehen.[2]
Heute gilt Braut
[3] fast nur noch für den Hochzeitstag. Im Althochdeutschen und anderen alten germanischen Sprachen bezeichnete es auch die Schwiegertochter, also über die Hochzeit hinaus.
Es ist merkwürdig, dass es kein eigenes Wort für den Verlobten und jungen Ehemann gibt. Stattdessen haben wir das zusammengesetzte Bräuti-gam. Das zweite Wortglied  ‑gam ist verkürzt aus althochdeutsch gomo 'Mann', der Entsprechung von lateinisch homo 'Mensch'
[4]. Sonst ist immer die weibliche Form aus der männlichen gebildet. Warum ist es hier anders? Weil es keine männliche Braut geben kann! Braut bedeutet nämlich 'die Schwangere'. Noch vor fünfzig Jahren war es ein Skandal, wenn die Braut vor der Hochzeit ein Kind erwartete. Aber in alter Zeit war Braut ja auch 'Schwiegertochter', da war Schwangerschaft sogar erwünscht.
Bräute gab es nur bei den Germanen; die anderen Indogermanen hatten andere Ausdrücke. Aus dem Germanischen lässt sich dieses Wort nicht erklären und beim Indogermanischen ist kein passendes bhrût- oder mrût- bekannt, von dem Braut kommen könnte. Oder doch? Da haben wir ja das lateinische brûtus, das diese Voraussetzungen erfüllt. Es bedeutet aber 'schwer, schwerfällig, gefühllos, dumm'. Schwer ist ja eine typische Eigenschaft einer Schwangeren. Brûtus scheint ein Fremdwort aus einer Nachbarsprache zu sein, das lateinische Wort für 'schwer' ist grávis, dazu grávida 'schwanger'. Grávis und brûtus gehen zurück auf ein Grundwort gw(e)rús, zu dem sich auch germanisch kurus 'schwer' gesellt.
[5] Auch germanisch brûdhis ist also ein Fremdwort, aber nicht aus Italien, auch nicht von den Kelten, sondern von der vorgermanischen Bevölkerung Nordwestdeutschlands. Braut ist nicht die einzige Vokabel, die der Lautverschiebung trotzt, also fremden Ursprungs ist.[6]

Traut[7] erklären wir heute mit vertraut 'gut bekannt', hat aber ursprünglich 'liebend, geliebt' bedeutet. Da es dieses Wort nur im Hochdeutschen und Romanischen gibt, kommt es wohl von keltisch drûtos 'stark', daher 'geschätzt, geliebt'. Grundwort ist dreu- 'stark'.[8] Die Germanen entwickelten daraus treu 'zuverlässig' und trauen 'für zuverlässig halten'. Sich trauen ist 'sich etwas zutrauen, wagen'. Bei der Trauung werden zwei einander anvertraut. Traut kommt also zwar nicht von trauen, ist aber doch damit verwandt.

 

 

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Echo Online

Begriffe: Hochzeit | Sprachecke 06.03.2006

 

Datum: 03.06.2014

Aktuell: 09.02.2019