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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Viecher

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Vieh 'Nutztiere' ist ein Sammelbegriff wie Laub 'Blätter' (nur Einzahl) oder Leute 'Menschen' (nur Mehrzahl).

Um ein Einzeltier aus dem "Vieh" zu bezeichnen, sagt man "Stück Vieh". Der Bauer hat 60 Stück Vieh, das sind Kühe, Ochsen, Kälber, vielleicht auch ein Zuchtbulle, genauer gesagt: Rindvieh. Andere Nutztiere wie Pferde, Schweine, Ziegen, Schafe nannte man in unsrer Gegend in der Regel nicht Vieh, in Sonderfällen aber doch: "Das Vieh, wo kreischt, muss zuerst gefüttert werden", das sind die Schweine. "Kleinvieh macht auch Mist", alles, was kleiner ist als das Rindvieh. Gemeint war nicht der Gestank, sondern der Dünger.
Die Tiere wurden nicht als Rohstoff für den Schlachthof angesehen, sondern als Mitbewohner des Hofes. Man gab ihnen Namen und redete mit ihnen. Manches Einzeltier schloss man ins Herz und konnte es hinterher nicht essen.
Vieh und Viech sind dasselbe Wort, nur unterschiedlich ausgesprochen. Unter Viech, Mehrzahl Viecher verstehen wir heute aber ein einzelnes Tier. Viecher gibt es gerade mal 200 Jahre. Älter ist Viehe, ein Nebeneinander wie Wörter und Worte.[1]
Für die Germanen und Römer (pecu) war Vieh wertvoller Besitz, daher war althochdeutsch fihu, lateinisch pecûnia auch 'Geld'. Indogermanisch pek'u bezeichnete 'Wolltiere, Schafe', denen man die Wolle ausraufte. Verwandt ist fechten 'mit Blankwaffen kämpfen', ursprünglich 'raufen'.[2]

Viech ist ein Spitzname, sein richtiger Name ist Tier. Darunter verstand man früher Landbewohner, zu denen nicht nur das zahme Vieh, sondern auch das jagdbare Wild gehört und kleinere Lebewesen. Aber nicht der Biber und andere "Fische", auch nicht die Fledermaus und andere "Vögel". Die Gliederung nach Lebensraum war noch um 1800 üblich. Ein Andenken daran ist der Feldhase, den man vom Berghasen, Grundhasen, Sandhasen, Steinhasen unterschied.[3]
Heute teilen wir ein in wirbellose Tiere und Wirbeltiere: Säugetiere, Reptilien, Amphibien, Vögel und Fische. Für uns sind auch Schnaken, Würmer und Seeanemonen Tiere, im Unterschied zu Pflanzen. Der Tierbegriff hat sich also gewandelt. Das kommt aber erst in jüngster Zeit zum Ausdruck, wenn etwa von Vögeln oder Fischen die Rede ist, die man ganz selbstverständlich Tiere nennt.
Uns ist heute nicht mehr bewusst, dass Tier 'beseeltes Wesen' bedeutet. Das r geht wie bei frieren / Frost auf s zurück, daher gotisch dius, indogermanisch deuhsom. Vergleichbar sind slawisch duch (ch aus s), litauisch dvasià 'Geist'.[4] Moderne Gelehrte hielten Tiere für gefühllose Automaten: Der Hund wedelt mit dem Schwanz nicht vor Freude, sondern weil er so programmiert ist. Die Alten aber glaubten, dass auch Tiere eine Seele haben und Freude und Schmerz fühlen wie wir.
[5]

 

[3] Adelung, Wörterbuch und weiter zu den einzelnen Stichwörtern

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Echo Online

Begriffe Tiere | Sprachecke 26.03.2013 | 23.09.2014 | 30.09.2014 | 04.10.2017

 

Datum: 16.09.2014

Aktuell: 09.02.2019