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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Bruder Tier

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Leserbrief:

engl. mouth = Maul?

 

Wir Menschen dünken uns erhaben über die Tiere und grenzen uns gegen sie ab. Aber eigentlich sind wir auch Tiere.

Biologisch gesehen sind wir eine Affenart und körperlich vielen unsrer Mitgeschöpfe unterlegen, nicht besonders stark, nicht besonders schnell und nicht besonders wehrhaft. Jeder Maulwurf gräbt besser, jeder Delphin schwimmt besser. Der Hund verträgt rohes Fleisch, der Hase rohen Kohl, für uns ist's gekocht bekömmlicher. Aber wir sind doch vernunftbegabte und soziale Wesen, oder? Und doch sind die Ameisen sozialer als wir, und wir benutzen unsre Vernunft oft, "um tierischer als jedes Tier zu sein."[1]

Auch in der Sprache grenzen wir uns gegen die Tiere ab: Wir essen Nahrung und trinken mit unserm Mund - Tiere fressen Futter und saufen mit ihrem Maul. Da ist aber ein körperlicher und kultureller Unterschied: Die meisten Säugetiere haben eine vorspringende Schnauze, die bei uns zurückgebildet ist, und nehmen ihre Nahrung und Wasser direkt mit diesem Körperteil auf, wir benutzen die Hände, Geschirr und Bestecke. Dieser unterschiedliche Sprachgebrauch hat also seine Berechtigung.

Damit ist aber nicht alles gesagt. Es sind noch andere Gesichtspunkte zu beachten:

Es ist eine Besonderheit des Deutschen, dass wir für einige Begriffe eine feinere und eine gröbere Variante haben:[2] nicht nur Mund / Maul, essen / fressen, trinken / saufen, Nahrung / Futter, sondern auch werfen / schmeißen, sitzen / hocken und andere. Das hat mit Mensch und Tier nichts zu tun, sondern mit Sprachschicht[3], Regionalsprache[4] und Kultur.

Mund[5] und Maul[6] sind zwei ererbte Vokabeln für die obere Körperöffnung, bei der meist zwischen Mensch und Tier unterschieden wurde. Aber im Altfriesischen und vielen deutschen Dialekten sagte man Maul auch vom Menschen. Das Norddeutsche und Englische hat Maul nie gekannt.[7] Bei gleichbedeutenden Wörtern neigen wir dazu, das eine zu bevorzugen und das andere abzudrängen auf eine andere Ebene (gehoben / vulgär) oder in eine andere Ecke (Tier / Mensch).

Auch essen / fressen (ver-essen 'auf falsche Weise essen') und trinken /saufen lassen sich nicht sauber bestimmten Zusammenhängen zuordnen. Menschen können manierlich und mäßig essen und trinken oder unmanierlich und unmäßig fressen und saufen.

Der Darmstädter Niebergall verwendet im 19. Jahrhundert in seinen Mundartstücken Maul ungeniert vom Menschen, während sein Zeitgenosse, der Frankfurter Hoffmann, im "Struwwelpeter" von dem misshandelten Hund auf Hochdeutsch schreibt: "mit seinem Mund ... aß auch die gute Leberwurst und trank den Wein für seinen Durst", ganz menschlich, auf dem Bild sogar mit Serviette, während sich der Böse Friederich sehr unmenschlich benommen hatte.[8]

 

 

   

 

Leserbrief:

Aber ist unser deutsches Maul nicht das englische Wort mouth, so dass dieses Wort auch dort bekannt ist?

 

Meine Antwort:

Da spielt eine altgermanische Gesetzmäßigkeit eine Rolle, die sich vor allem an der Nordsee ausgewirkt hat. Die Elbgermanen, die nach Süddeutschland kamen, haben nur die allerersten Anfänge mitbekommen: dass n vor ħ schwindet (*brenḣan / *brānħþa > bringen / brachte). Im Nordwesten wurde das auf die anderen Reibelaute übertragen, z.B. Gans > ns > engl. goose, tanth > nþ > engl. tooþ 'Zahn' und eben auch munth > nth > engl. mouth.

   

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Echo Online

Begriffe Tiere | Sprachecke 04.05.2004 | 16.09.2014 | 23.09.2014

 

Datum: 30.09.2014

Aktuell: 09.02.2019