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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Falsche Freunde

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Irma, lerne Menschen kennen, denn sie sind veränderlich. Die dich heute Freundin nennen, schimpfen morgen über dich."

Das stand vor 80 Jahren im Poesiealbum meiner Mutter. Freunde, die nicht zu einem halten, wenn's drauf ankommt, gab es immer.

Das ist aber heute nicht das Thema. Denn "falsche Freunde" nennen wir Vokabeln, die uns bekannt vorkommen und die uns feige verraten, wenn wir sie anwenden wollen.[1] Sie haben denselben Ursprung, bedeuten aber Unterschiedliches, wie bekommen 'kriegen' und englisch become 'werden'[2] oder sehen aus wie Zwillinge und meinen dasselbe, sind aber nicht verwandt wie die Wörter für 'viel': englisch much (alt micel 'groß, viel')[3] und spanisch mucho (lateinisch multus).[4]

Hier ist es noch einfach, die falschen Freunde zu entlarven. Viel schwieriger ist es bei "heiligen Wörtern" und Namen, denen man ihre Herkunft und ursprüngliche Bedeutung nicht ansieht:

Amen, lateinisch ômen 'Vorzeichen', indisch ôm.
Das lateinische Wort scheidet gleich aus, weil es auf osmen 'mündliche Äußerung' zurückgeht.
[5]

Ôm (alt aum) ist eine heilige Silbe ohne Bedeutung, aber mit hohem Symbolwert. "A-o-u-m" sagt man automatisch, wenn man mit "a" beginnt und langsam den Mund schließt, das hat was mit Atemtechnik und Meditation zu tun.
Amen ist ein ganz normales hebräisches Wort für 'zuverlässig', verwandt mit ämunâ 'Zuverlässigkeit'. Nach Luther bedeutet amen "Ja, ja, es soll also geschehen."
[6]
Auch der ägyptische Gott Amun (Jmn) hat nichts damit zu tun. Das genauso geschriebene jmn bedeutet 'verborgen, geheim'. Amun war der Geheimnisvolle, Unbegreifliche, Unerforschliche.
[7]

Irreführend sind auch die ähnlichen Götternamen Adonáj, Aton und Odin.
Hebräisch Adonáj 'meine Herrschaft' ist ehrfürchtige Umschreibung des Gottesnamens Jahwe, den man "nicht unnützlich führen" und am besten gar nicht aussprechen soll. In den deutschen Bibeln steht meist "der Herr", ein Titel, den auch andere Religionen gebrauchen.
[8]
Verwandt damit ist der Name des Vegetationsgottes Adonis.[9] Westsemitisch adunu 'Chef, Vorgesetzter' scheint ein Fremdwort aus dem Ägyptischen zu sein. Dort war jdnw der 'stellvertretende Leiter', eine Weiterbildung aus jtj 'Patron, Vorgesetzter, Herrscher'. Grundwort ist jt 'Vater'.[10]
Ägyptisch Aton (jtn)
[11] bedeutet nicht 'Herr', sondern 'Sonne', zu einem gleichgeschriebenen Wort für 'leuchten'.[12]
Der nordische Gott Odin hieß auf Südgermanisch Wodan. In den nordgermanischen Sprachen fiel w vor dunklem Vokal aus (wie in ulf 'Wolf'). Odin kommt daher nicht als Namenspatron des Odenwalds in Frage.
[13] Wodan ist verwandt mit Wut, ein Wort, das eigentlich 'Besessenheit, Inspiration', nicht 'Zorn' bedeutet hat.[14]

 

 

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Echo Online

 

Datum: 14.10.2014

Aktuell: 09.02.2019