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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Warme Stuben

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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[1] "Wenn der Regen niederbraust, wenn der Sturm das Feld durchsaust, bleiben Mädchen oder Buben hübsch daheim in ihren Stuben."

Doch den Robert hält es nicht im warmen Zimmer "und im Felde patschet er mit dem Regenschirm umher", bis er wie ein Drachenflieger mit seinem Schirm vom Sturm erfasst wird.  So erzählt uns Heinrich Hoffmann im Struwwelpeter. Sonst predigte man den Jungen doch, sie müssten hinaus an die frische Luft. Sie sollten keine blassen Stubenhocker werden und auch keine weltfremden Stubengelehrten.

Stube ist das süddeutsche, auch hessische, Wort für Zimmer, ursprünglich im Unterschied zur Kammer 'Schlafzimmer, Vorratsraum'. Man sagt auch Schlafstube, Kinderstube (ungezogene Menschen hatten "keine gute Kinderstube"), aber Speisekammer, Besenkammer, Rumpelkammer. Kammer 'kleiner Raum, Hohlraum' kommt von griechisch kamára 'Gewölbe', meist genutzt als Vorratsraum.[2]

Stube ist verwandt mit Staub, ihre Geschichte ist noch bewegter als der "fliegende Robert": Wie bei riechen, Rauch, roch, Geruch hat stieben die Ablautformen Staub, stob, Stube. Beim Ablaut wird der Hauptvokal eines Wortes verändert, um Stammformen (stieben, stob, gestoben) und neue Wörter zu bilden. Das ist eine Regel, die bis in die indogermanische Zeit zurückgeht. Das Grundwort steubh- (älter dheubh-) bedeutete nicht nur 'stauben', sondern auch 'rauchen, dampfen'. Staub kommt von selbst. Rauch entstand im Herd oder Ofen und Dampf im Kochtopf oder Bad. Die älteste Bedeutung von hochdeutsch Stube, südgermanisch stove ist 'Badestube', gemeint war wohl die Sauna im Unterschied zum Bad in der Wanne. Da dieser Raum warm war, übertrug man Stube auf heizbare Zimmer.
Die französische Entsprechung ist étufe (alt: estufe) 'Badestube, Schwitzbad' (neben  bain 'Bad im Wasser'). Außer dem Italienischen haben die meisten romanischen Sprachen vor s plus Konsonant ein e, ein keltisches Erbstück. In Italien (stufa) und auf der Pyrenäen-Halbinsel (estufa) bedeutet das Wort 'Ofen'. Den brauchte man in der Sauna zur Dampferzeugung und später zum Heizen der Zimmer. Der "Staub" in der Stube war kein Dreck, sondern Wasserdampf.[3]

Das Zimmer ist, was der Zimmermann zimmert: ein Fachwerkbau[4] oder ganz früher ein Pfostenhaus mit Lehmwänden[5]. Sein Werkstoff heißt auf Englisch timber 'Bauholz'. Das Grundwort dem- / dom- steckt in griechisch démein 'bauen'[6], lateinisch domus Haus'.[7] Zimmer ist heute ein abgetrennter Raum in einem größeren Gebäude.
Wie die Kinderstube hat auch Frauenzimmer eine übertragene Bedeutung: Das war ursprünglich der Aufenthaltsraum für Hausfrau und weibliches Personal, daher Frauenzimmer 'die Frauen' und seit dem 17. Jahrhundert auch 'einzelne Frau'.

 

[1] Heinrich Hoffmann, Der Struwwelpeter, Die Geschichte vom fliegenden Robert

 

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Datum: 04.11.2014

Aktuell: 09.02.2019