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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

 

Wassergeister

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

 

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Wir modernen Menschen glauben nicht mehr an Geister, weder in noch außerhalb des Wassers. Wir sind aufgeklärt.

Und doch gibt es heute noch Sagen von solchen Wesen. Beispiel: Das Ungeheuer von Loch Ness in Schottland, von dem seit dem 7. Jahrhundert immer wieder berichtet wird.[1] Das ist vielleicht wie bei den Unbekannten Flugobjekten (UFOs): Man sieht etwas fliegen und weiß nicht, was es ist: ein Vogel? eine Maschine? ein Himmelskörper? Nachdem sich einmal die Vorstellung von außerirdischen "Fliegenden Untertassen" herausgebildet hatte, neigen wir dazu, auf Besucher aus dem All zu tippen. Und wenn sich in dem schottischen See etwas regt, was nicht gleich zu erkennen ist, vermutet man das Monster.

Es gibt viele Geschichten von Wassergeistern. Aber bereits im Altertum wurden diese Fabelwesen[2] mit wirklichen Tieren identifiziert. Es fängt schon in der Bibel an: Ein auch aus anderen orientalischen Quellen bekannter Drache namens Leviathan[3] wird zum Namen des Krokodils[4], das es im Heiligen Land nicht gab.[5] In der Bibel werden zwar viele mythische Vorstellungen erwähnt, und doch gingen die biblischen Autoren dazu über, die Welt verstandesmäßig zu erklären.

Und nicht nur sie. Auch die Kelten und Germanen. Die haben nämlich den Namen eines Tieres gemein, das es in Europa nicht gibt: des Affen, keltisch abo(n), germanisch apa(n). Der Zusammenhang mit dem gleichlautenden Wort für 'Wasser, Fluss'[6] zeigt, dass man ursprünglich an einen Wassergeist dachte. Später hat man reale Tiere so genannt: in Wales afanc 'Biber' (und immer noch 'Monster'), in Schottland abhag 'Terrier' (und immer noch 'Zwerg'), dazu in Wales âb 'Affe', das dem germanischen apa(n) entspricht.[7]

Der König der Gewässer war nicht der Hai oder der Wal, sondern der Wassermann, ein wilder Geselle, der "in der Burg wohl über dem See" "die schöne junge Lilofee" freite.[8] Sie zog zu ihm ins Wasser und stand bei einem Heimaturlaub vor der Wahl, zu Mann und Kindern zurückzukehren oder zu bleiben: eine romantisch ausgeschmückte Geschichte von einer Frau, die ertrank - wie Ophelia, Hamlets Geliebte, an die der Name Lil-Ofee 'Lilie Ophelia' erinnert.[9]
In einer anderen Fassung war Lilofee eine fischschwänzige Seejungfrau, die sich in einen Menschen verliebte, zu ihm aufs Trockene zog und sterben musste, weil ihr Mann seine Neugier nicht bezwingen konnte.
[10] Wir nennen dieses Mischwesen Nixe, althochdeutsch nicchessa, den raubauzigen Vater Nix, aber erst in der Neuzeit. Vorher verstand man unter nihhus, nickes das 'Krokodil', in Skandinavien das 'Nilpferd', in England auch das 'Walross'. Nur  an der Waterkant hielt man an der Geistervorstellung fest.[11] Man muss ja nicht alles vernünftig erklären.

 

 

[9] Shakespeare Hamlet 4,7 ("Es neigt ein Weidenbaum").

Ausführlich zu ihrer Person: Ophelia - Wikipedia (engl.)
Auch Schneewittchen hat eine Parallele bei Shakespeare: Kreuzdenker, Märchen erklärt: Imogen

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Übersicht

 

Echo Online

Sprachecke 18.04.2006 | 02.10.2006

 

Datum: 03.03.2015

Aktuell: 09.02.2019