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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Exponate

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ein Leser fragte, warum die bei einer Exposition gezeigten Stücke nicht Exposite, sondern Exponate heißen.

Die Frage ist berechtigt. Was Beethoven komponiert hat und uns imponiert, sind imposante Kompositionen. Auch Nichtlateinern ist das Nebeneinander von ‑pon- und ‑pos- vertraut. Und erst recht die Lateiner wissen: ex-pôno 'ich platziere außen, stelle aus' / ex-pósitum 'außen platziert, ausgestellt'. Das Ausstellungsstück müsste in der Tat Exposit heißen. Warum hält es sich nicht an die Regel?

Das ist eine lange und verwickelte Geschichte:

Exponieren ist seit 1500 im Deutschen heimisch, zunächst als 'auslegen, erklären, übersetzen', später auch als 'ein Kind aussetzen', 'herausstellen, hervorheben, gefährden' und 'fotografisch belichten'. Davon übriggeblieben sind nur noch die exponierte Stellung und der Exponent 'Hochzahl', die angibt, wie oft die Zahl links mit sich selbst multipliziert wird (10² = 10x10 = 100, 10³ = 1000). 'Zur Schau stellen' hat exponieren nie bedeutet.

Dafür haben wir ausstellen, Ausstellung - Wörter, die alles andere als eindeutig sind (auch 'Ausfertigung, Darstellung, Tadel, Prangerstrafe, Publikation'). Seit dem 18. Jahrhundert nannte man auch eine 'Bildergalerie' Ausstellung.

Auf Russisch heißt 'Ausstellung' vý-stavka, offenbar eine ältere slawische Bildung mit der Grundbedeutung 'Aufstellung im Freien'. Dagegen kommt eksponírovatj 'ausstellen' eindeutig von unserm exponieren, nicht von französisch exposer. Dementsprechend ist eksponént der 'Aussteller' (die Hochzahl hat einen anderen Namen) und exponát das 'Ausstellungsstück', im Russischen also eine nachvollziehbare Entwicklung und logisch.

Das deutsche Exponat kommt offensichtlich aus dem Russischen. Es ist ab 1951 gebräuchlich, zuerst von Exportgütern und Waren auf der Leipziger Messe. 1958 gab die Sowjetunion im Krieg erbeutete Kunstschätze an die DDR zurück. Die Presse berichtete darüber und gebrauchte dabei das Wort Exponat, wahrscheinlich aus einer russischen Pressemitteilung. Ein frei formulierender westdeutscher Journalist hätte sich anders ausgedrückt.[1]

Es gab also bisher kein eigenes Wort für 'Ausstellungsstück', das Französische hat bis heute noch keines und begnügte sich mit pièce exposée 'ausgestelltes Stück'.[2] In solchen Fällen greifen wir gern auf kurze und griffige Fremdwörter zurück und meiden Wortungetüme ("Ausstellungsgegenstand") oder Umschreibungen ("die ausgestellten Gegenstände").

Warum aber kam keiner bei uns auf die Idee Exposite zu zeigen? Weil es zwar viele Fremdwörter auf ‑pon-, ‑pos- gibt, aber nur wenige auf ‑posit (wie Komposit- 'Verbundstoff'[3]). Leider oder zum Glück müssen neue Wörter nicht erst durch den TÜV, bevor sie in Umlauf kommen

 

 

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Echo Online

 

Datum: 02.06.2015

Aktuell: 09.02.2019


 

 

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