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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Vorbild der Musterpuppen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Kleider legt man nicht einfach ins Schaufenster. Wie sie am Leib getragen aussehen, zeigen Schaufensterpuppen.

Diese nannte man um 1900 auf Englisch mannequins, aus Frankreich übernommen. Dort bezeichnete dieses Wort um 1800 eine Schneiderpuppe[1], eine Figur ohne Arme, an welcher der Schneider die Stoffteile zusammenfügt. So kam mannequin ins Modegeschäft. Vorher war das eine Gliederpuppe, die den Künstlern als Modell für ihre Darstellungen diente[2] und 1450 eine kleine Figur. In Flandern bedeutet manneken 'Männchen', wie die berühmte Brunnenfigur in Brüssel, das Manneken Pis.[3] Ist dieser pinkelnde Lausbub im Adamskostüm ein Mannequin?
Nach ursprünglichem Verständnis ja, nach heutigem nein. Denn ein Mannequin ist eine Frau, die bei einer Modeschau Kleider vorführt,
[4] in Frankreich seit 1865; vorher war mannequin ein Dressman.[5]
Im Deutschen ist dieses Wort erstmals 1794 erwähnt, von gemalten Leuten mit den neusten Kleidern.
[6] Das waren die damaligen "Modekataloge", an denen sich der Schneider orientierte.

In unseren heutigen Prospekten sind keine künstlerischen Darstellungen, sondern Fotos. Wer mit den feilgebotenen Kleidern geknipst ist, nannte früher Photomodell, heute nach dem Englischen Model, mit Ton auf dem kurzen o, während Modell wie im Französischen auf dem e betont wird. Weitere Verwandte sind Môdel 'Backform'[7], der Môdul (mathematischer Begriff) und das Modûl 'technischer Bauteil'. Grundlage ist lateinisch módulus 'Maß'.[8]
Unter Modell verstehen wir heute 'Vorbild, Muster, Entwurf'. Das kann sein eine verkleinerte plastische Darstellung (Gebäude, Autos), ein Muster zum Vorführen (Mode) oder ein in Serie hergestellter Typ (Autos). Künstler baten oft Menschen "Modell zu stehen" oder "zu sitzen", auch wenn sie keine Porträts machen wollten. So bekam Modell die Bedeutung von 'Person als Vorbild für ein Kunstwerk' und in der Modebranche 'Mannequin'.

Mannequins, Models und andere Stars werden auch in anderer Hinsicht Vorbilder, wenn man sich an ihnen orientiert und so sein möchte wie sie. 1966 wurde "Twiggy" Vorbild durch ihre extrem dünne Figur, und andere Models haben versucht, dieses Schönheitsideal zu erfüllen, das schon vorher durch die Köpfe spukte.[9]

 

 

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Echo Online

 

Datum: 09.06.2015

Aktuell: 09.02.2019