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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Des Geschickes Mächte

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Leserbriefe

 

"Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewger Bund zu flechten und das Unglück schreitet schnell."

So beschreibt Schiller im "Lied von der Glocke"[1] unser wechselndes Schicksal: Das neue Haus brennt und mit ihm das ganze Stadtviertel. Ein Unglück wie dieses kommt uns ungeschickt und gar nicht gelegen, es macht unsre Pläne zunichte.

Wieso kommt uns ein Schicksalsschlag "ungeschickt"? Er wurde uns doch "geschickt", uns zukommen lassen von einer höheren Macht. Heute gebrauchen wir schicken meist im Sinn von senden. Der alte Sprachgebrauch war aber anders. Schicken[2] ist eine Ableitung von geschehen 'vor sich gehen, passieren'[3] und bedeutet 'machen, dass etwas vor sich geht, in Gang setzen'. Heute brauchen wir manchmal nur aufs Knöpfchen zur drücken. Aber wer bauen will, muss eine Menge organisieren, bevor er den Bagger und den Betonmischer startet. Zum Beispiel einen Architekten beauftragen und den Bauantrag stellen. Schicken hatte früher mehr die Bedeutung 'planen, vorbereiten, zurichten, fügen, ordnen, anordnen'. Einen Boten oder Brief zum Bauamt senden gehört auch dazu, aber das war nicht der Hauptgedanke. Wenn etwas unsre mühsam erarbeitete Ordnung stört, ist das für uns ungeschickt, unpassend. Und unser Schicksal oder Geschick wird uns nicht bloß "zukommen lassen", sondern das hat eine höhere Gewalt uns zugedacht und verordnet.[4]

"Höhere Gewalt"[5] ist kein religiöser, sondern ein juristischer Ausdruck und meint einen Schadensfall, für den niemand verantwortlich zu machen ist. Wenn ein Haus einstürzt, sucht man einen Schuldigen. Ein Erdbeben war keine Absicht oder Versehen.
Auch in unserm Leben gibt es viele Ereignisse, die uns ohne Absicht treffen. Sie sind keine Belohnung oder Strafe für unser Verhalten. Aber manchmal erkennen wir in ihnen einen Sinn, empfinden Glück als Geschenk und Unglück als gerechte Strafe oder als Mahnung, endlich vernünftig zu werden. Das können wir zwar nur für uns selbst erkennen, nicht für andere. Aber einen Sinn finden gehört zur Lebensbewältigung.

Es gehört auch zur Lebensbewältigung, dass wir lernen, uns in das Unvermeidliche zu schicken, uns damit abzufinden, statt unsre Kräfte zu verschleißen, indem wir mit Gott und der Welt hadern. Auch hier hat "sich schicken" nichts mit senden zu tun, sondern bedeutet 'sich einordnen, sich fügen'.

Wie Schicksal und schicken zusammengehören, so auch Sinn und senden, nur dass es hier nicht so offen auf der Hand liegt: Germanisch senðus war der 'Weg', senðnan 'auf dem Weg ein Ziel anstreben' (heute sinnen) und sanðjan 'in Bewegung setzen' (senden).[6] So war es auch mit skehan 'vor sich gehen, passieren' (geschehen) und skekjan 'in Gang bringen' (schicken).

 

 

   


Leserbriefe:

Während meiner Schulzeit in Eschwege ist mir als Zugewandertem aufgefallen, dass dort statt "Es reicht!" oder "Lass es genug sein!" gesagt wird: "Es schicket!" Das war eine Formel, die ich aus meiner davor liegenden Lebenszeit in Norddeutschland nicht kannte.

 

Ergänzend möchte ich noch anfügen, dass es noch den Ausspruch gibt "Das schickt sich nicht…", womit gemeint ist: das gehört sich nicht, das tut man nicht… (im sehr erweiterten Sinne hat das natürlich auch mit Ihrem 'sich einordnen, sich fügen' zu tun.

   

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Übersicht

 

Echo Online

Begriffe: Schicksal | Sprachecke 21.07.2015 | 28.07.2015

 

Datum: 14.07.2015

Aktuell: 09.02.2019