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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Lose Lose

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Der Veranstalter kauft Tombolalose nicht lose, sondern sortiert verpackt und die Nieten extra.

Diese Lose sind zusammengerollte kleine Zettel mit Nummern, für die man einen der ausgestellten und ebenfalls nummerierten Preise bekommt. Wenn man Glück hat. Sonst zieht man einen leeren Zettel, eine Niete, einen 'Nichtgewinn', aus niederländisch niet 'nicht'.[1]

Allgemein ist Los[2] ein Platzhalter für eine Sache oder eine Person, besonders aber das persönliche Schicksal'[3]. Lose werden heute immer da gezogen, wo bei einer Auswahl eine gerechte Entscheidung nicht möglich ist, bei der Vergabe von Studienplätzen zum Beispiel. Wenn mehr Bewerbungen vorliegen als freie Plätze, entscheidet der Zufall, wer angenommen wird.[4]

Gelost wurde schon im Altertum. Tacitus berichtet in Germania 10 von den Germanen, sie hätten bei wichtigen Entscheidungen die Götter zu Rate gezogen und markierte Stäbchen auf ein Tuch geworfen. Eine dazu befugte Person hob drei Stäbchen auf, sprach ein Gebet und versuchte die eingeritzten Zeichen zu deuten.[5] Das war keine Auslosung nach dem Zufallsprinzip, sondern eine Art Orakel, eine göttliche Äußerung.

So muss man wohl das Wort Los verstehen, germanisch hlautas, abgeleitet von hleutan 'das Orakel befragen', mittelhochdeutsch liezen 'wahrsagen'. Es gehört zu indogermanisch cleu- 'hören', lateinisch cluêre 'genannt werden', Leumund 'was man über jemand hört, sein Ruf'.[6]
Als 'Orakel' lassen sich auch die lateinischen und griechischen Wörter für 'Los' deuten: lateinisch sors (aus sverts
[7], verwandt mit schwören, also ein göttlicher Bescheid[8]) und griechisch klêros[9] (verwandt mit klêsis 'Ruf'[10]).

Diese Wörter leiten über zu einem neuen Gesichtspunkt: Von sors kommt sortieren 'gruppieren' und Sorte 'Handelsklasse'. Klêros ergab unser Klerus 'geistlicher Stand', klêsis in der deutschen Übersetzung Beruf 'Lebensaufgabe'. Was hat das alles mit Losen oder Orakel zu tun?
Zugrunde liegt der antike Brauch, Ämter und Aufgaben zu verlosen; so kam der erste israelitische König Saul zu seinem Posten
[11], so wurden Ämter in Hellas und Rom vergeben.[12] Früher wurden auch die Wehrpflichtigen "gezogen", das Los entschied, wer "einberufen" wurde.[13] Bei uns nannte man die Musterungspflichtigen (deutsch) Loser.[14] Im Krieg wurden sie zu (englisch) "Losern", Verlierern.
Am Beispiel von Schulklassen können wir uns deutlich machen, wie das mit dem "Rufen" funktioniert: Eine Lehrkraft ruft der Reihe nach die Schüler auf, die einer Klasse zugeteilt wurden. So kamen "Los" und "Ruf" zur Bedeutung 'Lebensaufgabe' und 'Schicksal': eine höhere Macht verteilt die Dreckarbeit wie die lukrativen Posten und die damit verbundenen Freuden, Lasten und Leiden.

 

[7] Kreuzdenker, Etymologie: sors

Vgl. die Aussprache von englisch sword 'Schwert' als [sɔ:d].

 

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Sprachecke 14.07.2015 | 28.07.2015

 

Datum: 21.07.2015

Aktuell: 09.02.2019