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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Haarige Körner

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Bei vielen Getreidearten haben die Ähren einen Bart, dessen Grannen an Kleidern und Fellen hängen[1] bleiben.[2]

Die Grannen sind wie Beine, durch die sich die Körner auf dem Boden vorwärtsbewegen können.[3] In der Wachstumsphase regulieren diese Haare den Wasserhaushalt.[4]
Germanisch granus war das 'Barthaar', später der 'Schnurrbart', die heutige Bedeutung 'Borste an der Ähre' kam erst im Mittelhochdeutschen auf.
[5] Das alte Wort war Agene, hessisch heute noch Ouene, ähnlich wie die englische Entsprechung awn. G nach dunklem Vokal wurde in beiden Sprachen zu u (nach hellem zu j). Das indogermanische Grundwort war ak'- 'scharf, spitz'.[6]
Der heute angebaute Weizen hat keine Grannen, wohl aber die Gerste
[7] und der Roggen[8]. Bei beiden sitzen die Körner wie beim Weizen direkt am Halm. Beim Hafer[9] hängen sie an Verzweigungen des Halms (Rispe). Der Hafer dient herkömmlich als Futter, ebenso die Gerste, aus der auch Malz zum Bierbrauen gewonnen wird. Der Roggen (hessisch Korn), der auch in kargen Gegenden wächst, ergänzt den Weizen als Brotgetreide.

Die Gerste gehört zu den ältesten Getreidearten aus dem Orient. Genauso alt muss ihr Name sein, der 'Korn' bedeutet, mit einem unterschiedlich ausgesprochenen g-Laut (Kern, Korn, lateinisch grânum, hebräisch gera 'Körnchen'[10], baskisch garagar, georgisch keris, armenisch gari 'Gerste'[11]) und weiter zurück zu einem Wort für 'reiben, mahlen', denn im Altertum nutzte man auch die Gerste für die menschliche Ernährung.
Ein mit gebären und Bahre verwandtes Wort für 'tragen, Ertrag' ergab englisch bar-ley 'Gerste', lateinisch far 'Dinkel' (neben schwedisch barn 'Kind') und überraschend ähnlich hebräisch bar 'Korn' (neben aramäisch bar 'Sohn').
[12]

Der mittel- und nordeuropäische Roggen und der asiatische Reis sind Geschwister, abgeleitet von vrg'hio- 'Gewächs, Getreide', germanisch rugja(n), griechisch oryza, später rizi, aus dem unser Reis wurde.[13]

Der Hafer wurde vor 3000 Jahren in Europa aus dem wilden Flughafer gezüchtet, der mit dem Saatgut eingeschleppt worden war.[14] Sein Name erinnert an lateinisch caper 'Ziegenbock', hängt aber eher mit einem Wort für 'ernten' zusammen (lateinisch cárpere 'pflücken'), das auch in germanisch harvistus 'Herbst' steckt. Bei havara(n) 'Hafer', ursprünglich harvara(n), ist das erste r ausgefallen wie bei querdar, heute Köder.[15]
'Hafer' heißt auf Englisch oats, schottisch ait mit Verwandten nur im Niederländischen und Friesischen.
[16] Ihnen entspricht keltisch et- 'Getreide' und slawisch jendro 'Kern', wahrscheinlich aus dem Orient (ägyptisch j-t 'Gerste').[17]

Die meisten Getreidenamen kamen also mit dem Getreideanbau aus dem Orient, wie später die Kartoffel samt ihrem Namen nach Osten gelangte.[18]

 

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Echo Online

 

Datum: 06.10.2015

Aktuell: 09.02.2019