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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Weises Wissen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Ich erkläre dir nichts", sagte der Meister. "Du musst mit den Augen stehlen. Guck mir zu und mach's nach."

Ausrede eines wortkargen und unfähigen Ausbilders? Nein, ein weiser Rat. Mein Vater hat auf diese Weise nicht nur sein Handwerk gelernt, sondern auch viele andere Tätigkeiten. Auch ich habe mit den Augen gestohlen, aus Büchern. Denn Wissen erwerben wir zum Teil mit den Augen.

Wissen hat wie können, bedürfen die Besonderheit, dass in der 3. Person Einzahl kein -t angehängt wird: "Er weißt die Wand", tüncht sie, und "weiß sich zu helfen." Grund: "weiß, kann, darf" sind Vergangenheitsformen wie mittelhochdeutsch reiz 'riss' und heute noch "rann, warf". Gemeint war ursprünglich 'hat gesehen, erkannt, gedarbt' und ist jetzt informiert, fähig, unterernährt. Daher werden diese Wörter als Gegenwart gebraucht. Die Vergangenheit wurde neu gebildet mit -te: "wusste, konnte, bedurfte".

Die alte Bedeutung 'sehen' ist im heutigen Deutschen nicht mehr zu erkennen, wohl aber in althochdeutsch wîzzan 'bemerken', daher Verweis 'Tadel', nachdem der Fehler bemerkt wurde. Die lateinischen Formen video, vîdi, vîsum bedeuten nur 'sehen, sah, gesehen' und haben wie bei unserm weise eine abweichende Form mit einfachem s, während d regelmäßig unserm ß, ss entspricht (êdi = ). Auch Video und Visum haben etwas mit sehen zu tun, Video auf dem Bildschirm und Visum als 'Sichtvermerk' im Pass.[1]

Die deutsche Entsprechung von visum 'gesehen' ist weise 'gesehen habend', also 'wissend', das ist wesentlich mehr als Prüfungs- und Quizfragen beantworten können. Was nützt es zu wissen, dass Ouagadougou die Hauptstadt von Burkina Faso ist,[2] wenn ich keine Ahnung von diesem Land und seinen Leuten habe? Weisheit ist, wenn man Fakten und Erfahrung verknüpfen und vernünftig handeln kann. "Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben"[3], gab schon vor 2500 Jahren Heraklit von Ephesus zu bedenken.[4]

Was unterscheidet Weisheit und Bildung? Nach heutigem Verständnis ist Bildung, wenn man Schulen, Kurse und Universität besucht und so Allgemeinbildung und Fachkenntnisse erwirbt. Früher hat man mehr an Verständnis für Kunst und Kultur gedacht und im 19. Jahrhundert an Charakterformung und Erziehung.[5] Ein im alten Sinn "gebildeter" Mensch hat gute Umgangsformen und ist kultiviert, weltoffen und tolerant. Im modernen Sinn hat er was gelernt für eine Berufstätigkeit (falls er eine Stelle findet). Das eine schließt das andere nicht aus.
Aber Weisheit ist, wenn man sich durch Wissen und Erfahrung über die Dinge erhebt, einen Überblick bekommt und das Ganze ins Auge fasst. Es lohnt sich, mal "über den eigenen Tellerrand zu gucken" und zu erkennen, dass "hinterm Berg auch Leute wohnen".

 

 

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Sprachecke 11.01.2005 | Begriffe: hell und dunkel | Farben | Psychologie

Fragen: wissen /  weiß

 

Datum: 27.10.2015

Aktuell: 09.02.2019