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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Gespensterspuk

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Halloween ist vorbei, aber die Gespenster spuken immer noch herum, sogar in der Sprachecke.

Grausig! Da stand was auf dem Bürgersteig. Ich hatte es nicht gesehen und ging mitten durch. Erst hinterher erkannte ich, dass es ein Gespenst war. Da hatte jemand längere Zeit gestanden, überaus parfümiert. Der Mensch war weg, der Duft blieb zurück.

Wir haben selten Gelegenheit, einen abwesenden Menschen zu riechen. Oder ein abwesendes Tier. Für die Sammler und Jäger der Vorzeit war eine gute Nase überlebensnotwendig. Sie konnten am Geruch erkennen, was da für ein Tier gelaufen war, und bei der Rückkehr ins Lager vielleicht auch riechen, wer vor kurzem dagewesen war.
An Geruch, Spuren und Erinnerungen konnte man sich ein inneres Bild von jemand machen, auch von kürzlich Verstorbenen, deren Eigengeruch noch längere Zeit wahrzunehmen war. Wanderer wurden durch ihre Nase auf eine Leiche in der Wildnis aufmerksam. Die Sage erzählt, dass da ein Toter erschienen sei, der keine Ruhe fand, solange er nicht begraben war.
Der Gespensterglaube kann auf solche Erlebnisse zurückgehen.

Die Wortgeschichte von Gespenst verweist aber auf etwas Anderes: Germanisch spanan war 'zu sich ziehen', zum Beispiel durch Verlockung, Verführung,[1] verwandt mit spannen 'straff ziehen'.[2] Südgermanisch gispensti war die 'Verlockung'. Durch sie entstehen falsche Erwartungen, daher bedeutete mittelniederdeutsch gespenst auch 'Trugbild', das einem der Teufel vorgaukelt[3] - heute würden wir sagen: ein Hirngespinst, das nur im Kopf existiert. Gespenst und Gespinst 'Gewebe' (ursprünglich wohl von der Spinnwebe) sind nicht aber miteinander verwandt.[4]

Gespenster sind innere Bilder, die wir uns von Abwesenden machen, oder Ausgeburten unsrer Vorstellungskraft, der Phantasie. Mit deren Name verwandt ist das Fremdwort für 'Gespenst', Phantom (über altfranzösisch fantosme aus griechisch phántasma 'Erscheinung, Hirngespinst, Vorstellung').[5]

Die Seele dagegen ist unser Eindruck von dem, was in uns vorgeht, unser Bewusstsein, Erinnerungen, Gefühle, Wahrnehmungen, Triebkräfte, Wünsche, Gedanken und Träume, kurz: ein Bild von uns selbst. Germanisch saiwala 'Seele' enthält aiw- 'Leben, Lebenszeit' mit vorgesetztem s-.[6] Die altindische Entsprechung ayu- ergänzt die Bedeutung 'Lebenskraft'.[7]

Hauptbeschäftigung der Gespenster ist der Spuk. Mittelhochdeutsch gespüc war ein scheußliches Erlebnis, vor dem man zur Abwehr böser Auswirkungen ausspie. Spucken (alt spûchen)[8] und Spûk sind dasselbe Wort. Das nur hochdeutsche Verb wurde mit k ins Plattdeutsche übernommen, aber mit der neuen Bedeutung 'geistern'. Von dort wurde Spuk 'Geistererscheinung' ins Hochdeutsche rückentlehnt.[9]

 

[9] ..., Etymologie: Spuk

Ich versuche nur zu erklären, wie die der Gespensterglaube entstanden sein könnte, nicht was Gespenster sind.

..., Was ist Geist?

..., Was ist Seele?

 

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Echo Online

Begriffe: Geister

 

Datum: 03.11.2015

Aktuell: 09.02.2019