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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Lauter Heil und Segen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Nicht die heiligen drei Könige wünschen uns "lauter Heil und Segen", sondern "die ganze Vogelschar".

Sie können das erst im Lenz singen, denn beim Jahreswechsel sind sie verreist und kommen erst im Frühjahr wieder. So war es jedenfalls in der bitterkalten Zeit[1], als Hofmann von Fallersleben dieses Lied dichtete (1835).[2]
Dem Gruß der Vögel schließe ich mich gern an und wünsche "ein frohes Jahr, lauter Heil und Segen" Ihnen, liebe Leserinnen und Leser und liebe Redaktion.

"Heil und Segen" sind altmodische Ausdrücke, Heil ist vorbelastet durch den Hitlergruß und Segen riecht nach Weihrauch. Heute sagen wir "Glück und Erfolg". Der Unterschied: Nach heutiger Meinung verdanken wir Glück und Erfolg sowie das Gegenteil unsrer Tüchtigkeit oder Unfähigkeit, während wir für Heil und Segen und das Gegenteil, Unheil und Fluch, nichts können. Beide Gesichtspunkte müssen sich ergänzen. Wir haben im Guten wie im Schlechten nicht alles verdient, was uns widerfährt - und wir können uns nicht einfach mit "Schicksal" herausreden. Die Lebenskunst besteht auch darin, dass wir im Leid standhalten und uns nicht unterkriegen lassen.

Der alte Wunsch "Heil dir" umfasst das, was wir heute "alles Gute" nennen: "vor allem Gesundheit", Wohlergehen, Friede, Zufriedenheit, innere Kraft, Glück, Erfolg. Diese Formel war seit dem 17. Jahrhundert sehr häufig, ist aber schon im 12. Jahrhundert nachweisbar.[3] Sie war deshalb so beliebt, weil sie als "germanisch" galt, ein Zeichen nationaler Gesinnung, die dann schließlich im Hitlergruß gipfelte. "Heil dir" ist aber eher übersetzt aus lateinisch Salve 'Sei heil. Grüß dich'.
Der Hitlergruß hat gezeigt, was dabei herauskommt, wenn man das Heil
auf die eigene Nation und "Rasse" beschränkt und auch noch von einer einzigen Person abhängig macht. Im norddeutschen Sprachgebrauch (heil 'ganz, nicht kaputt') ist noch die ursprüngliche Bedeutung erhalten 'Ganzheit, Unversehrtheit'
[4]. Glück und Erfolg sind Sache des Einzelnen, aber Heil kann es nicht auf Kosten anderer geben, sondern nur für alle und darum auch für mich.

Segen riecht wirklich nach Weihrauch und stammt aus dem kirchlichen Sprachgebrauch, abgeleitet von segnen 'das Kreuz schlagen, mit dem Kreuz bezeichnen' (lateinisch signare 'ein Zeichen anbringen').[5] Der kirchliche Segen besteht nicht nur aus dieser Geste, sondern vor allem aus Worten, vergleichbar mit einem Glückwunsch, daher lateinisch bene-dicere  'segnen', eigentlich 'wohlreden, gute Worte sagen'. Die Grundbedeutung ist noch im altertümlichen benedeien 'loben, preisen' erhalten.
'Böse Worte sagen' ist maledeien, lateinisch male-dicere.
[6] Fluchen bedeutet eigentlich 'Krach schlagen'.[7]

 

 

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Echo Online

 

Datum: 05.01.2016

Aktuell: 16.02.2018